Kommentar

Von Tabellen des Schicksals

Archivartikel

Gert Häusler über Zahlen und Statistiken, hinter denen viel mehr steckt

Den Zahlen können wir im täglichen Leben kaum entrinnen, selbst wenn auf manche gerne der Schleier des Vergessens gelegt würde. Aber Pin-und Passwörter müssen meist Ziffern enthalten, das Geburtsdatum wird bei vielerlei Anlässen abgefragt und in mancher Beziehung sind immer wieder einmal das Datum des Hochzeitstages und die Zahl der gemeinsam verbrachten Ehejahre eine Zahlenklippe.

Ranglisten gibt es nahezu für alles und jedes, von der Fußball-Bundesliga bis zu Lieblingsgerichten, Sonnen- und Regentagen oder Einschaltquoten im TV. Wobei der Tabellenstand im Profisport am Ende der Saison dann nicht nur über Ehre, sondern auch über sehr viel Geld entscheidet.

In „normalen“ Zeiten gibt es daneben stets noch eine große Zahl von „Bunte-Blätter“-Statistiken. Etwa von der Art, wer hat gerade die meisten Partys besucht, die hübschesten oder hässlichsten Kleider getragen oder die schnellste Scheidung hinter sich. Derzeit wirken manche dieser alten Ranglisten seltsam und an Stelle von großen Auftritten kommen die Selfies.

Dennoch, die gewisse Sucht alles in Tabellen zu pressen, hat neue Felder. Die können bei nachdenklicher Betrachtung allerdings sehr bedrückend sein. Die tägliche Corona-Statistik mit der Veränderung von Zahlen und „Rangfolgen“ zeigt zwar auf den ersten Blick nur Zahlen, aber dass bei den Infizierten und hunderttausenden Toten noch Millionen Schicksale von Angehörigen und Freunden stehen, muss immer wieder bewusst werden.

In anderer Form gilt dies für fast alle „aktuellen“ Statistiken. Hinter den Schließungszahlen von Theatern, Kinos und Konzertsälen, die seit einer Rekordzahl von Tagen leer sind, stehen Künstler und Mitarbeiter mit einer eigenen traurigen Statistik. Und nicht nur hier – das gilt auch stellvertretend für die Hotellerie, Gastronomie und Fitnessstudios, die zwar wieder geöffnet haben, jedoch mit Einschränkungen. Auch die Zahlen über die Schließungstage von Schulen, Kindertagesstätten oder auch Schwimmbädern bilden Schicksale von Familien, Arbeitnehmern und Unternehmen ab. Bleibt zu wünschen, dass unsere derzeit positive Corona-Entwicklung nicht durch Leichtfertigkeit kippt und wir uns dann mal hin und wieder eine „Larifari-Statistik“ gönnen können.

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