Kommentar

Von wegen Multitasking

Archivartikel

Katja Bauroth räumt mit einem verbreiteten Klischee auf

Die Lieblingsserie im Fernsehen schauen, nebenher Suppe kochen und mit zwei Freundinnen per WhatsApp am Handy bei Liebeskummer beziehungsweise familiärer Krise mit dem 17-jährigen trotzköpfigen Sohnemann beistehen – das alles geht durchaus, dachte Frau. Bis sie von der Lieblingsserie so abgelenkt wird, dass sie die Suppe nicht umrührt und selbige anbrennt sowie versehentlich der Freundin mit der familiären Teenager-Krise rät, endlich „den blöden Kerl abzuschießen“. Wenn dann noch der eigene „Kerl“ zu Hause die Szenerie mit einem frechen Grinsen und dem Satz: „Ich dachte, Frauen sind multitaskingfähig“ kommentiert, hätte der „Bergdoktor“ glatt aus dem Fernsehen herauskommen und einen weiteren Patienten behandeln können.

Es ist ein Klischee, das Frauen mehr gleichzeitig können als Männer. Es gibt Studien, etwa die der RWTH Aachen, die das untermauern: Es gibt keinen Geschlechtsunterschied beim Multitasking. Laut Neuropsychologen eignet sich weder das weibliche noch das männliche Gehirn dafür. Die Forscher beschreiben es so: Pro Sekunde prasseln auf unser Gehirn elf Millionen Bit ein – eine Unmenge an Information. Und davon können wir elf bis 60 Bit bewusst wahrnehmen. Das Gehirn filtert und blendet Störendes aus. Wie sich dieses Filtern beim Einzelnen auswirkt und was Hirne als Störend ausblenden, ist eine Geschichte für sich und sehr individuell. Anders ausgedrückt: Frauen und Männer unterscheiden sich in vielen kognitiven Funktionen nicht. Meine These daher: Die Geschlechter stellen sich nur hier und da unterschiedlich clever an beziehungsweise schenken nur dem Aufmerksamkeit, was sie interessiert. Je nach Standpunkt wird Multitasking daher gern als Ausrede genommen. Deshalb wäre es einen Versuch wert, beim nächsten Telefonat des Partners mit der Schwiegermutter ihm den Müllbeutel zum Runtertragen in die Hand zu drücken und sich gleichzeitig in ein Wellnesswochenende mit der Freundin zu verabschieden.

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