Leserbrief

Corona-Phobie Kuriose Ungerechtigkeiten säen Zweifel

Ängste essen die Seele auf

Deutschland kam bisher gut durch die Krise, was vor allem unserem Gesundheitssystem – dem wohl besten der Welt – geschuldet ist. Und natürlich der Disziplin unserer Bürger, die sich mit Blick auf Italien zurücknahmen, sodass schon vor dem Lockdown die R-Zahl unter „eins“ war, während Gesundheitsminister Jens Spahn noch Anfang März meinte, dass das Händewaschen reiche, im April es noch an Masken fehlte und er nun sagt: Der Lockdown wäre (so) nicht nötig gewesen.

Auch vielen Ärztinnen und Ärzten ist mittlerweile aufgefallen, dass es einen großen Widerspruch zwischen politisch-medialer Aufgeregtheit und ihrem Arbeitsalltag gibt.

Sie sehen den Menschen als Ganzes und wissen, dass Angst die Seele zerfressen kann, während die meisten Virologen und Epidemiologen in ihrem „Corona-Tunnelblick“ verharren. Und die Politik spielt die Melodie dazu: Wer die Gesellschaft ständig mit immer neuen (vermeintlichen) Hiobsbotschaften auf immer höhere Bäume treibt, der macht die Menschen krank!

Corona zeigt bei einigen fast schon beklemmend phobische Züge. So beschweren sich Anrufer tatsächlich bei Redaktionen, wenn Menschen ohne Masken in der Zeitung zu sehen sind. Hat jemand Angst, dass er beim Blättern der Zeitung angesteckt wird? Vor längerer Zeit haben wir uns aufgeregt, weil in Gruppenabschiedsfotos von Kindergärten alle Gesichter bis auf das eigene (aus Datenschutzgründen) geschwärzt waren. Sind wir eigentlich noch zu retten? Zurück zum Thema: Aktuell faselt der bayerische Ministerpräsident Söder von einer „Corona-Schockwelle“, die auf uns in der Grippezeit zurollt. Geht‘s nicht ’ne Nummer kleiner?

Apropos Welle: Was in unserem Land teilweise abgeht, das erinnert schon an den Film „The Circle“ – oder an „Die Welle“, wobei Letzteres ja ein Schulexperiment darstellt. Was hat es also auf sich, wenn es am Schwetzinger Hebel-Gymnasium oder am Hockenheimer Gauß-Gymnasium während des Unterrichts quasi eine „Maskenpflicht“ gibt, obwohl die Corona-Landesverordnung das gar nicht vorsieht? Wer dieser „dringenden Empfehlung“ nicht nachkommt, muss sich doch wie stigmatisiert vorkommen.

Aber eigentlich meine ich damit die generellen Aufrufe zur Denunziation sowie den Schmähgesang derer, die sich dabei auch noch wohl fühlen. Dass extreme Fälle geahndet werden müssen, stelle ich nicht in Frage, aber ein Corona-Meldeformular, wie es bis vor kurzem noch auf der Website der Stadt Karlsruhe zu finden war, wo jeder jeden anonym anschwärzen konnte, das geht gar nicht!

Menschen wurden bestraft, weil sie allein auf einer Parkbank eine Zeitung lasen oder ein Eis leckten. Sie haben richtig gehört: Die Parkbank war keine 50 Meter von der Eisdiele entfernt, was Vorschrift war und obwohl das Ehepaar anbot auf der nächsten Parkbank das Eis zu Ende zu essen, kostete sie der Spaß 400 Euro Strafe.

Aktuell gibt es einen Fall in Mannheim, bei dem Schüler nach einem gemeinsamen Mc Donalds-Besuch an einer Bushaltestelle ein Eis naschten und dafür jeweils 100 Euro Strafe zahlen sollen, weil sie dazu den Mundschutz unters Kinn gezogen hatten.

Und dann gibt es da noch den Campingplatzbetreiber, der Urlauber ohne Corona-App als Corona-Leugner diffamiert und den Zutritt auf den Campingplatz verweigert. Wo soll das noch hinführen. Um die Kuriositäten alle aufzuzählen, wäre eine komplette Zeitungsseite vonnöten.

Ich weiß durchaus um die „Heimtücke“ von Covid-19. Aber genau solche kuriosen Absurditäten sind es, die Bürger auch an sinnvollen Maßnahmen zweifeln und Kritiker verzweifeln lassen, wenn ihnen eine Patientenverfügung für den Eigenbedarf ins Haus flattert, nur weil sie Fragen stellen. Oder ist Schweigen neuerdings eine Tugend?

Mir geht‘s vor allem darum, dass unsere Gesellschaft nicht noch mehr auseinanderfliegt. Denn Corona hat die Menschen nicht einander näher gebracht, im Gegenteil. Und das eben nicht nur wegen der 1,50 Meter Abstand.

Herbert Semsch, Brühl

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