Leserbrief

Klimapolitik Plädoyers an die Menschen / „Wir“ müssen handeln, um die Zukunft unserer folgenden Generationen

„Aller Besitz ist nur Lehen“

Weit mehr als 50 Jahre schon warnen Experten vor der globalen Erwärmung, vor Eisschmelze und einem Anstieg des Meeresspiegels, verursacht durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe. Fossilien, die seit Ende des Karbonzeitalters vor über 300 Millionen Jahren in der Erde schlummern. Ich erinnere in dem Zusammenhang an den 1989 verstorbenen Hoimar von Ditfurth, der in den 1970ern in seinen TV-Sendungen und Publikationen eindringlich davor warnte. Der erste „Klimaforscher“ jedoch, der auf ökologische Zusammenhänge hinwies, wurde vor 250 Jahren geboren: Alexander von Humboldt verabscheute nicht nur Sklaverei und Kolonialismus, sondern er beförderte mit seinen Forschungen – vor allem in Südamerika – ein Umdenken von der „Taxonomie“, also von der klassisch hierarchischen Klassifikation hin zur „Ökologie“ – der Gesamtheit der Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen – also auch uns Menschen – und der Umwelt.

Was die „Wechselbeziehung“ von Mensch und Natur angeht, sieht es aktuell so aus: In Südamerika brennt der Urwald. Weltweit brennen Wälder auf einer Fläche größer als Deutschland, Frankreich und Spanien zusammen. Hauptursache im Amazonasgebiet ist wohl Brandstiftung, um diese Flächen später landwirtschaftlich für Soja oder Viehhaltung zu nutzen. Außerdem werden in Südamerika täglich 25 Millionen Liter Wasser wegen der Lithiumgewinnung aus dem Boden gepumpt, um daraus Batterien für Smartphones und E-Autos zu produzieren. Aber auch bei uns werden Wälder abgeholzt. Zum einen um Platz für Windräder zu schaffen, oder weil wir (Stichwort: Entenpfuhl) den darunter liegenden Sand ehemaliger Flüsse, Seen oder Meere zur Herstellung von Zement – und übrigens auch Glas – für unsere Bauwerke brauchen. Vom einfachen Reihenhaus bis hin zum vollverglasten Wolkenkratzer, ganz zu schweigen von unseren maroden Brücken.

Sand, den man sonst vor allem den Ufern von Flüssen oder den Stränden der Meere entnimmt, da Wüstensand wegen seiner Struktur dafür nicht taugt.

Wir haben also echt mehr als ein Problem, denn wir verhalten uns leider schon viel zu lange so, als wäre die Erde unser Eigentum!

Aber das ist sie nicht, denn sie gehört uns nicht, sondern allen Geschöpfen, die auf diesem Planeten leben. Auch jenen, die noch nach uns leben wollen.

Und was unternimmt die Politik? Nun, da wäre zum Beispiel der Trip Anfang der 1990er Jahre zu erwähnen. Eine 30-köpfige Bundestagsdelegation reiste nach Australien und Neuseeland. Segeltörn inklusive und auf Steuerzahlerkosten versteht sich. Begründung dieser „Schnapsidee“: Erkundung des Ozonlochs.

Etwa vor zwölf Jahren tuckerte dann „Miss Merkel mit dem Gespür für Schau“ auf dem Schiff Smilla medienwirksam vor Grönland umher, um den Klimawandel zu studieren. Außer dass die Strom – und Energiepreise explodierten, ist bisher nicht wirklich viel passiert. Wer also glaubt mit der geplanten CO2-Bepreisung würde das Klima – oder gar unsere Zukunft gerettet, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Diese „CO2-Steuer“ (oder Abgabe?) träfe vor allem jene, denen ohnehin das Wasser bis zum Halse steht. Aber gerade die, die unsere Zukunft schon viel zu lange am Spieltisch des Mammons verzocken, wissen um entsprechende Schlupflöcher und um ihre Lobbyisten in den Parlamenten! Was wirklich hilft, ist ein grundsätzliches Umdenken, eine „Neustrukturierung“ in Sachen Besitzdenken und Ressourcenverbrauch. So gesehen ist weniger tatsächlich mehr. Oder wie es Seneca vor knapp 2000 Jahren formulierte: „Aller Besitz ist nur Lehen, allein die Zeit ist unser.“

Herbert Semsch, Brühl

W issenschaftler und andere Verteidiger unseres Planeten werden nicht müde, diese Selbstverständlichkeit zu wiederholen: „Die Menschheit hat nur eine Erde.“ Woher kommt diese manchmal verzweifelt klingende Hartnäckigkeit?

Die nächstliegende Erklärung ist die Diskrepanz zwischen der Schwere der Bedrohung unserer Lebensgrundlagen, der allgemeinen Ungewissheit und der Fahrlässigkeit bis Leichtfertigkeit, mit der große Teile der Menschheit, einschließlich mächtiger Politiker, auf sie reagieren. Die Verteidiger des Klimas und der Umwelt bilden keine geschlossene Gruppe. Sie bestehen aus einer Vielzahl selbstständiger Organisationen, die sich ständig austauschen und einander ermutigen. Wie sie entstehen, erleben wir derzeit bei den „Fridays for Future“-Demonstrationen Greta Thunbergs. Sie verstehen sich zum einen als Sprachrohr und Transmissionsriemen der Wissenschaft, zum anderen als Sammelbecken der für den Klimaschutz engagierten – nicht nur – jungen Menschen.

Die Gegner: Was für Menschen leugnen, dass sie mitverantwortlich sind für die bedrohliche Erwärmung des Klimas? Wir finden sie nur selten in der Öffentlichkeit. Sie verweigern den Dialog, sind unzugänglich für Argumente und dadurch nicht lernfähig. Die Welt betrachten sie als ihren Besitz, mit dem sie nach Lust und Laune umgehen können. Und in ihren Mitmenschen sehen sie keine gleichrangigen Partner, sondern versuchen, sie ihrem Willen zu unterwerfen. Wir finden sie überall. In Deutschland unter den Führern der AfD, aber auch in den Mutterländern der Demokratie: Donald Trump und Michael Farage.

Oft heißt es, dass demokratische Staaten eher zum Schutz der Umwelt neigten als autoritär regierte. Dabei finden wir eine bedeutende Ausnahme, den Chinesen Xi Jinping, der sich wie – nur wenige – für den Klimaschutz einsetzt. Auf der Gegenseite finden wir aber keinen gleich angesehenen Demokraten. Donald Trump zum Beispiel ist zwar mit der erforderlichen Mehrheit in sein Amt gekommen, hat den Wahlkampf aber, im Widerspruch zum demokratischen Geist, mit Lügen und Verleumdungen vergiftet wie die Halb- und Scheindemokraten Erdogan, Putin und Netanjahu. Die deutschen Populisten gehen eher noch weiter. Rufen ihre Anhänger zu Hass und Gewalt auf und hetzen gleichzeitig gegen die Religionsfreiheit für Muslime und die Menschenwürde von Flüchtlingen. Im Herbst diesen Jahres hat die AfD dennoch – vermutlich leider: deshalb – ihre Stimmenanteile mehr als verdoppelt. Stolz ließen sich ihre Führer als „Kümmerer“ feiern und beanspruchten, „bürgerlich“ genannt zu werden. Dem widersprachen die Medien jedoch heftig. Sie warfen ihnen vor, Probleme nicht anzusprechen, um sie zu lösen, sondern um Unzufriedenheit und Zorn zu schüren. „Bürgerlich“, so argumentierten die großen Zeitungen, bedeute, sich an der Lösung von Aufgaben zu beteiligen, zum Beispiel der Aufnahme von Flüchtlingen, wie sie die „Menschenwürde“ und die „Religionsfreiheit“ des Grundgesetzes verlangten. Dazu gehöre auch der Schutz der Umwelt und des Klimas gegen die Zerstörung durch Menschen. Diese Verantwortung lehnt die AfD jedoch kategorisch ab. Was für den Kampf gegen die Klimaveränderung in der deutschen Politik gilt, trifft freilich nicht auf alle Halb- und Scheindemokratien zu. Viele haben sich unter die Verfechter des Klimaschutzes eingereiht und alle bisherigen Verträge unterzeichnet. Und nirgendwo ist zu hören, dass sie dagegen verstoßen. Das ist nicht wenig, auch wenn Demokraten ihnen vorwerfen, dass sie die Meinungsfreiheit beschneiden und ihre Bürger gängeln. Daraus folgt, dass sie im Kampf um den Klimaschutz auf das Mitdenken und die Kreativität ihrer Bürger verzichten. Ein bedeutender, nämlich der gesellschaftlich-autonome Teil, an den Anstrengungen fehlt ihnen also. Mehr noch: Wer die Freiheit des Wortes unterdrückt, blockiert auch die grenzübergreifende Meinungsbildung – am erfolgreichsten in China, dessen kommunistische Partei alles strikt überwacht.

Der größte Leugner der menschengemachten Lebensbedrohung, der amerikanische Präsident Trump, erlebt hingegen ständigen Widerspruch, wird aber nicht müde, mit seinen Mitteilungen alle Schritte zu blockieren, die das Klima retten könnten und bremst die weltweiten Bemühungen, es zu retten. Das gelingt aber nicht vollständig, denn die USA sind föderativ aufgebaut, mit Einzelstaaten und Städten, die über viel Autonomie verfügen und sie zum Klimaschutz einsetzen.

Was für den Entscheidungsweg von oben nach unten gilt, trifft auch für die Gegenrichtung zu. Das heißt, das Desinteresse der in Sachsen und Brandenburg erstarkten AfD am Klimaschutz muss in Deutschland nicht zu einer Katastrophe führen. Es kann ebenso gut Zweifel an der Kompetenz dieser Partei wecken und zur Abwanderung von Wählern führen. Die Woche nach den Landtagswahlen ließ umweltbewegte Deutsche Hoffnung schöpfen. Ihre Hauptgegnerin hatte in keinem Land die Mehrheit errungen, „Volksparteien“ aber Verluste zugefügt.

Helmut Mehrer, Brühl

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