Leserbrief

Einsatzzeiten bei Notärzten Nicht mit den Ängsten der Betroffenen argumentieren

Alles richtig gemacht!

Zum Artikel "Herzstillstand - aber dann hat kein Notarzt Zeit" - der auf der Mannheimer Seite kürzlich zu lesen war, möchte ich anmerken:

Der Beitrag hat mich aus mehreren Gründen verärgert, die ich hier zum Ausdruck bringen möchte. Kurz zu meiner Person: ich bin seit 20 Jahren in der Notfallmedizin tätig, anfangs als hauptamtlicher Rettungsassistent, später nach absolviertem Medizinstudium und dem Erwerb der Zusatzbezeichnung Notfallmedizin als Notarzt.

Eine Diskussion, ob man einen dritten Notarzt in Mannheim rund um die Uhr benötigt, kann man führen, dann aber bitte sachlich und auf dem Boden von Fakten und nicht, indem man Ängste schürt und dadurch versucht, einen öffentlichen Druck zu erzeugen. Dieses primitive Stilmittel kennt man von einigen Gruppierungen und hat meines Erachtens bei dieser Diskussion nichts zu suchen.

Die notwendige Anzahl von Notärzten ist ein komplexer Sachverhalt, der den Rahmen eines Leserbriefs sicherlich sprengen würde, aber Menschen in Notfallsituationen überleben oder sterben nicht deshalb, weil ein Notarzt verfügbar oder nicht verfügbar ist. Ich habe in einer Zeit als Notarzt in Mannheim gearbeitet, als es nur zwei Notärzte gab. Ein Massensterben von Notfallpatienten in Mannheim ist mir aus dieser Zeit nicht erinnerlich.

Nun zu dem beschriebenen Fall: ich verfüge über keine weiteren Informationen als in dem Artikel genannten, traue mir aber durchaus zu, diesen Fall mutmaßlich zu kommentieren. Allein bei der Überschrift dreht sich mir der Magen um. Ein Herzstillstand ist ein Zustand der akuten Lebensbedrohung, in der ein Mensch sofort wiederbelebt werden muss.

In dem geschilderten Fall handelte es sich mutmaßlich um einen sogenannten AV-Block, vermutlich zweit- oder drittgradig, eine Herzrhythmusstörung, die unbehandelt in einem Herzstillstand enden kann und auch wie geschildert eine kurze Bewusstlosigkeit verursachen kann. Das ist eine klare Indikation für einen Notfalleinsatz, aber kein Herzstillstand! Was nun folgte, das kann ich nur von allen Beteiligten als korrekte Entscheidungen beurteilen. Der Notruf durch die Angehörigen, die Reaktion der Leitstelle, die Entscheidung des Teamleiters der Rettungswagenbesatzung, den Patienten mit wahrscheinlich stabilem Kreislauf bei längerer Anfahrtszeit des verfügbaren Notarztes als der Fahrzeit zur Klinik, den Transport ohne Notarzt durchzuführen, die Schrittmacheroperation am nächsten Tag nach vermutlich intensivmedizinischer Überwachung.

Das ist Rettungsfachpersonal

Liebe betroffene Familie Alles: Was da passiert ist, ist kein skandalöser Fall, der gerade noch mal gut gegangen ist, sondern funktionierende Notfallmedizin. Was man bitte nicht vergessen darf, ist, dass Mitarbeiter im Rettungsdienst keine hirnlosen Sanis sind, sondern in aller Regel gut ausgebildetes medizinisches Rettungsfachpersonal. Ich durfte in meinem Berufsleben schon einige von ihnen kennenlernen, die dem notfallmedizinischen Wissen und Können eines manchen Notarztes in Nichts nachstehen. Ich glaube, das Einzige, was schief gelaufen sein könnte, ist, dass man Ihnen, liebe Familie Alles, diesen Sachverhalt bisher einfach nicht in Ruhe erklärt hat.

Auch diese mittlerweile öffentliche Diskussion der Hilfsfristen ist ein Tatbestand, der mir gehörig auf die Nerven geht. Ich warte nur darauf, dass eines Tages die Angehörigen bei meinem Eintreffen die Zeit mit einer Stoppuhr nachmessen.

Liebe Bevölkerung, Menschen sterben nicht, weil ein Rettungswagen oder ein Notarzt zwei Minuten zu spät kommt, sondern weil vielleicht keine adäquate Erste-Hilfe- Versorgung stattgefunden hat. Wir Menschen müssen uns manchmal einfach von dem Wunsch nach "Rundum-alles-sorglos-Paketen" verabschieden und auch mal etwas Eigeninitiative ergreifen.

Wissen Sie, wie oft ich während meines Berufslebens dachte: "Oh Gott, wäre ich nur zwei Minuten früher gekommen!" Noch nie, kein einziges Mal!

Alle Aspekte zu beleuchten, das würde aber nun auch wieder den Rahmen dieses Leserbriefes sprengen. Deshalb möchte ich abschließend nur noch eines betonen, dass wir alle im Rettungsdienst und Notarztwesen Tätigen jeden Tag unser Bestes geben und wir in Deutschland nun wirklich eine gute medizinische Versorgung gewährleisten können.

Götz Pilopp, Oftersheim

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