Leserbrief

Bildung Zwischen Zensurenwahn und Lernstoffbullemie – wir müssen dringend in der Schule etwas verändern

Althergebrachte Lernkultur revidieren

Mein Leserbrief resultiert aus einer Anzeige in der Brühler Rundschau zur „Nachhilfe in der Region“. Dort wird das Pädagogische Förderinstitut vorgestellt, mit der Aussage, dass Lernprobleme lösbar seien, speziell mit der Konsequenz von mehr Erfolg in der weiterführenden Schule. Bei der Beschreibung der Hauptaufgaben des Institutes wird differenziert zwischen Nachhilfe und gezielter Förderung.

Wenn ich durch andere Gemeinden fahre, sind Schilder wie Studienkreis, Studienhilfe, Lernhilfe oder Förderkreis nicht zu übersehen. Es hat sich neben dem staatlichen Schulwesen und einiger privater Bildungseinrichtungen ein riesiger Nachhilfemarkt mit Milliardenumsätzen als volkswirtschaftliche Größe gebildet und expandiert ständig. Ich frage mich, sind diese Tendenzen der „Blödheit“ unserer Schüler oder dem „konkursreifen staatlichen Bildungswesen“ geschuldet (die Schule ist kostenlos, das Lernen ist umsonst).

Nach Erkenntnissen der EU-Kommission dürfte es nicht an der „Blödheit“ der Schüler liegen. Die Kommission hat Deutschland ermahnt, mehr in Bildung und Infrastruktur zu investieren. Die Ausgaben seien im Vergleich zur Sparrate immer noch zu schwach und das trotz steigendem Bedarf an Investitionen und Erneuerungen. Erneuerung bedeutet für mich eine Revision hergebrachter Lernkultur, bei der zuweilen geistige Missbrauchs-phänomene zu beobachten sind.

Erneuerung heißt, Absurditäten im klassischen Bürokratiemodell des staatlichen Schulwesens auszuräumen, den Zensurenwahn der Lehrkräfte und den Tsunami der Leistungstests im Gefolge von Lernstoffbullemie zu reduzieren (in kurzer Zeit möglichst viel Lehrstoff reinziehen, ihn dann bei dem Prüfungstest „auskotzen“, um ihn danach schnell wieder zu vergessen).

Dazu ein Erlebnis: Während eines pädagogischen Kongresses hatte ich einmal ein interessantes Gespräch mit einem Studierenden über sein Sachgebiet. Als ich nach genaueren Details fragte, kam die Antwort: „Weiß ich doch nicht mehr, der Test ist längst vorbei.“ Wenn viele glauben, das Heil der Erneuerungen nur in der Digitalisierung zu finden – mit dem permanenten Einsatz apparativer Lernmittel, wird bereits die nächste Weiche falsch gestellt.

Es gibt bereits Befunde einer leichten Verblödung des Menschen durch übermäßigen Gebrauch technischer Medien, ganz zu schweigen von einer psychosozialen Vereinsamung ohne den sprachlichen Austausch von Mensch zu Mensch. Wenn wir den geschilderten, geistigen Missbrauchsphänomenen im Bildungsbereich begegnen wollen, müssen wir zu den Wurzeln genetisch bedingter Lernprozesse zurückfinden. Eine zentrale Rolle dabei spielen kreative Prozesse bei denen Theater, Kunst und Musik stärker gewichtet werden, anstatt diese Disziplinen abzuschaffen. Wir sollten uns an Autoren wie Rolf Robischon halten („Lernen ist wie atmen“), Antoine De Saint-Exupéry („Will einer lernen, ein Schiff zu bauen, wecke in ihm die Sehnsucht über das Meer zu segeln“) oder an Galileo („Du kannst einen Menschen nichts lehren, du kannst ihm nur helfen, es selbst zu entdecken“).

Während der Weihnachtstage habe ich zufällig in einem Dialog meiner zwei Enkel die Polarität zwischen Bildungskatastrophe und natürlichem, kindlichem Bildungsethos erfahren. Juri, seit fünf Monaten in der Schule, kann ein bisschen lesen und hat schon vor Schuleintritt angefangen, die ganze „Raupe Nimmersatt“ abzuschreiben (intrinsische Motivation). Einmal hörte ich zu bei dem Dialog mit seinem älteren Bruder Hanjo, der bereits die dritte Klasse besucht: „Ach, ich freue mich, wenn nach den Weihnachtsferien die Schule wieder anfängt.“

Und Hanjo antwortet seinem Brüderchen: „Du freust dich, du bist wirklich krank.“

Anton Strobel, Brühl

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