Leserbrief

Flüchtlingskinder Es ist schön, wenn Menschen helfen / Reaktion auf Leserzuschrift

"Auf Herz hören und Verstand einsetzen"

Betrifft Leserbrief "Dass es plötzlich so viele Gutmenschen gibt" (SZ, 12. September, Seite 30):

Liebe Frau Müller, das Wort Gutmenschen zählt wohl zu Ihren Liebings-Wörtern? Zum Glück, dass es in Deutschland und auch in Europa "gute Menschen" gibt und dies auch zeigen, wie täglich zu sehen und zu lesen ist. Ich zähle mich zu diesen Menschen, die auf ihr Herz hören und ihren Verstand einsetzen. Ich kann es nicht ertragen, wenn "Stimmung" wie hier gegen Flüchtlinge gemacht wird. Sie kennen Frau Theiß nicht und Sie kennen auch mich nicht, stellen aber Behauptungen auf, die einfach so aus der Luft gegriffen sind. Sie schreiben, ich hätte meine Tante und meine Eltern ins Pflegeheim "abgeschoben".

Wer ist hier unverschämt? Mal ganz am Rande erwähnt - meine Tante und meine Eltern sind freiwillig ins Pflegeheim gegangen. Jeder von ihnen wusste, dass wir sie nicht zusammen bei uns zu Hause pflegen könnten. Meine Mutter war dement und mein Vater wurde quasi über Nacht ebenfalls zum Pflegefall. Ich/wir haben uns nichts vorzuwerfen. Wir als Familie und Geschwister haben uns bis zum letzten Tag fürsorglich um die Tante und auch um die Eltern gekümmert.

Ich bin selber nach dem Krieg geboren. Wie andere auch mache ich mir Gedanken über die Flüchtlingsströme. Ich akzeptiere andere Meinungen und Ängste, die ich auch verstehen kann. Deshalb ist nicht jeder für mich ein Nazi oder brauner Mob. Man sollte aber schon überlegen, wie man zum Beispiel in einem Leserbrief argumentiert, wenn man nicht in diese Ecke gedrängt werden will. Ich kann die abgedroschen Phrasen, die Stimmungsmache einiger "Mit-Menschen" einfach nicht ertragen! Ich bin weder in Facebook oder anderen sozialen Netzwerken. Ich lese und informiere mich ausführlich in verschiedenen Medien, sicher nicht durch die Bild-Zeitung oder durch zugetragenes. Es gibt heutzutage genug Möglichkeiten, sich objektiv und sachlich zu informieren.

Dass es kein "einfacher Weg" ist, ein Kind, egal ob Flüchtling oder nicht, zu adoptieren, müsste selbst der naivste Mensch wissen. Sie selber sollten sich einmal mit Adoptionen/Pflegschaften und daraus resultierenden Fragen und Antworten auseinandersetzen. Dann wüssten sie auch, dass es unmöglich ist, dass plötzlich die ganze Familie des Kindes nach Deutschland kommt. Ihre Ängste sind hier unbegründet, stammen wohl eher aus dem Reich der Fantasie. Würden Sie Zeitungen und Medien betrachten sowie richtig lesen, wüssten sie, dass vor Monaten vom Jugendamt Heidelberg um die Aufnahme von Pflegekindern, geworben wurde. Es wird sich also auch um deutsche Pflegekinder gekümmert.

So ist nämlich auch Ihre Frage nach dem Reisegeld zu beantworten. Klar müssten hier zu allererst die Schlepper gepackt und bestraft werden. Aber auch hier sind die Volksvertreter in Deutschland/Europa überfordert, um Gesetze auf den Weg zu bringen. Ich habe weniger Angst vor denen, die kommen, als vor den Leuten, die Asylantenheime anzünden oder Hass und Lügen verbreiten. Mit fremden Kulturen, zum Beispiel Muslimen, habe ich mich schon vor mehr als 40 Jahren beschäftigt und tue es auch noch heute. Meine Eltern und wir Kinder lernten eine türkische Gastarbeiterfamilie kennen, um die wir uns kümmerten, sie in allen Fragen und Nöten unterstützten. Keiner der "lieben" Nachkriegsdeutschen in unserer Nachbarschaft wollte mit diesen Menschen zu tun haben. Wir Kinder spielten, lachten und tobten zusammen. Wir kannten keine Rassenschranken. Es waren einfach Menschen und Kinder, genau wie heute. Dafür wurden wir damals als "Schweine" betitelt! Und Sie sagen, mein Brief wäre beleidigend.

Übrigens bis zum Tode meiner Eltern und ihres eigenen Todes waren diese Leute mit uns verbunden. Seit mehr als 35 Jahren wohnt eine türkische Familie in unserem Haus. Die Kinder wuchsen hier in Deutschland auf, sagen zu meiner Schwiegermutter Tante, der Mann gar Mutter. Anständigere und fürsorglichere Mieter hätten wir auch nicht unter Deutschen finden können. Für mich sind alle Menschen gleich, egal ob sie eine schwarze Hautfarbe haben, Muslime oder Hindus sind. Solange sie sich an unsere Gesetze halten, sind sie mir willkommen. Ich lebe auch nicht auf dem Mond, um nicht zu wissen, was für Probleme bei weiteren Flüchtlingsströmen auf uns zukommen können.

Noch zu guter Letzt möchte ich Ihnen von einer einsamen alten Nachbarin berichten. Jahrelang wurde sie von uns betreut, an Feiertagen war sie bei uns und auf Ausflüge nahmen wir sie mit. Wer, liebe Frau Müller, sollte nun über den Tellerrand schauen? Ich kann und tue es mit gutem Gewissen! Ihr Teller steht sicher zu weit am anderen Ende eines langen Tisches!

Meine Leserbriefe waren und sind weder unverschämt noch beleidigend. Das liegt immer im Auge des Betrachters. Sie können sich übrigens die Mühe sparen, um einen weiteren Leserbrief zu schreiben, für mich ist das Thema beendet. Ich antworte und schreibe nicht mehr darauf.

Jakob Burkhardt, Ketsch

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