Leserbrief

Einzelhandel Zwischen Perspektivlosigkeit und lachender Onlinekonkurrenz

Beigeschmack von Versagen

Der oft gescholtene, aber in Sachen Corona-Maßnahmen viel gelobte grüne Oberbürgermeister von Tübingen – Boris Palmer – meinte in einer Talkshow sinngemäß: Er sei Mathematiker und habe die Fixierung auf Kulturbetriebe und Gaststätten beim November-Lockdown-Light von Anfang an nicht verstanden, da beide Branchen, als eine Nachverfolgung möglich war, nachweislich nicht für zunehmende Zahlen verantwortlich waren.

„Ein harter Lockdown ist nicht mehr zu vermeiden und wird wohl eher vor als nach dem Fest kommen, nur sagen darf man das noch nicht, da sonst morgen alle in die Stadt rennen, um noch ihre Geschenke zu kaufen“, meinte Ministerpräsidentin Malu Dreyer in der gleichen Sendung. Genau das ist jetzt Anfang der Woche passiert. Mein Fazit: Wenn man im November schon Gaststätten mit Hygienekonzept schließt, dann muss man auch schauen, wie man private Partys, Saufgelage und Wasserpfeifenevents verhindert.

Das geht eben nun mal leider nur mit Ausgangsbeschränkung und dem nächtlichen Ausgangsverbot, wie wir dies, seit etwa zwölf Tagen haben. Weil eben bei so einigen die Einsicht und Vernunft völlig fehlt.

Statt dessen gab es Lockerungsversprechen und die Legende vom kollektiven Weihnachtsmärchen, wo wir alle friedlich vereint unterm Baum versammelt sind. Weit gefehlt: Statt Christstollen gibt‘s jetzt Pustekuchen. Es gilt an Heilig Abend sogar die Ausgangssperre ab 21 Uhr – zumindest in Bayern.

Nur mal so nebenbei: Der seit Wochen anhaltende Terz um Weihnachten hat schon fast was schizophrenes, denn das Virus kennt weder Ramadan, Chanukka noch Heiligabend – sondern im Grunde nur Opfer. „Mit dem Wissen von heute hätte es keine Friseur- oder Einzelhandelsschließungen gegeben. Das wird nicht mehr passieren“ – das versprach Gesundheitsminister Jens Spahn noch Anfang September vollmundig.

Mitnichten: Jetzt haben wir für den Einzelhandel einen noch härteren Lockdown als im Frühjahr. Damals war wenigstens ein Abholservice für Bücher oder schon lang vorbestellte Ware möglich.

Das wurde dieses Mal von Ministerpräsident Kretschmann untersagt. Besonders erschreckend ist die Tatsache, dass es für die jetzigen Maßnahmen im Einzelhandel keine neuen Erkenntnisse, keine wissenschaftliche Evidenz, also Gewissheit gibt. Die Geschäfte werden aus einem ganz einfachen Grund zugesperrt: weil etwas geschehen musste.

Dies alles führt zu einem eklatanten Vertrauensverlust, der letztendlich in eine Perspektivlosigkeit mündet. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass unter diesen Umständen tatsächlich im Januar wieder Lockerungen in Kraft treten werden? Ich denke, der Lockdown geht bis weit in den Februar, wenn nicht gar bis Ende März und schlimmstenfalls sogar darüber hinaus.

Resümee: Neben der mangelnden Logik, den immensen wirtschaftlichen Schäden und dem Ausbluten des Einzelhandels ist da einerseits die schon erwähnte Perspektivlosigkeit der Betroffenen und anderseits ein zunehmender Vertrauensverlust in die politisch Agierenden, zumal die versprochenen Unterstützungen auf sich warten lassen oder wegen listiger Hürden unerreichbar und kein wirklicher Ausgleich sind. Großunternehmen – wie beispielsweise der Onlinehändler Amazon – machen das Geschäft ihres Lebens. Das hat schon irgend-wo den bitteren Beigeschmack von Staatsversagen.

Herbert Semsch, Brühl

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