Leserbrief

Der 100. Geburtstag Was es bei der Geburt des Altersjubilars alles noch gar nicht gab

Blick zurück – ohne Zorn

Diese Woche gab’s bei uns einen Hundertjährigen: Geboren 1920, zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, 13 Jahre vor Hitlers Machtergreifung, 19 Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg. Sechs lange Jahre Kriegsteilnehmer mit anschließender Gefangenschaft. Was für eine Jugendzeit. Kaum zu glauben: Die Generation 1920 bis 1930 wurde geboren vor der Erfindung des Fernsehens, der Tiefkühlkost, der Kontaktlinsen und der Pille. Mehl und Zucker wurden damals im Krämerladen in Tüten abgewogen und nicht abgepackt im Supermarkt gekauft.

Diese Generation war schon da bevor Kreditkarten, Telefax, Handy, Laser und Kugelschreiber zur Verfügung standen. Düsenjets und Hubschrauber gab es nur in der Fantasie. Es gab noch keine Geschirrspülmaschine, Waschmaschine, Wäschetrockner, Klimaanlagen oder Satelliten. Computer, E-Mails, Last-minute-Flüge und Homeoffice waren fremd und der Mensch war noch nicht auf dem Mond gelandet.

Sie waren eben noch richtige Kinder und keine Kids mit Skateboard. Sie fuhren Holzroller, hatten Kreisel, spielten Hopse und Murmeln. Die Öfen mussten morgens „ausgenommen“ und mit Papier und Holzspänen wieder angeheizt werden. Die Kohle wurde aus dem Keller heraufgetragen und die Asche nach draußen gebracht. Die Medizin kannte noch kein Penicillin, weder Ultraschall, Herzschrittmacher noch die Organverpflanzung.

Wohngemeinschaften gab es auch noch nicht. Sie waren da, bevor es die Selbstverwirklichung, die Midlife-Crisis, den Hausmann, Aussteiger, Pampers und die computer- und videogestützte Heiratsvermittlung gab. Getanzt wurde, wenn überhaupt, nur am Wochenende.

Zu dieser Zeit kannte man noch keine Gruppentherapie. Weight Watchers, Sonnenstudios, kein Erziehungsjahr für Väter. Käfer waren Käfer und keine VW.

Himbeeren hatten oftmals Würmer, schmeckten dafür wie Himbeeren ohne Geschmacksverstärker. Der Wald war voller Pilze, Radioaktivität war unbekannt. Man unterhielt sich über die Tragfähigkeit der Apfel- und Birnbäume und nicht über das Waldsterben. Es gab vier Jahreszeiten und keinen Klimawandel.

Diese Generation kannte weder UKW- noch Transistorradios oder gar einen Walkman. Musik von Tonbändern oder CD waren noch unbekannt. Die New Yorker Philharmoniker via Satellit zu hören oder zu sehen, das gehörte ins Reich der Utopie. Es gab noch keine elektronischen Schreibmaschinen, Elektronenblitze, Camcorder, Digitaluhren, Taschenrechner, künstliche Herzen, Facelifting oder Jungs, die Ohrringe trugen. Selbstwähltelefone gab es nur in wenigen Großstädten. Alle Gespräche mussten beim „Fräulein vom Amt“ angemeldet werden.

Die Wörter Software – für alles was man bei einem Computer nicht anfassen kann – und Non-Food – für alles was man nicht essen und trinken kann – waren noch gar nicht erfunden. Liebe Jugend, zu dieser Zeit hatte man noch nie etwas von Pizzas, Döner, Gyros und McDonalds gehört. Der Ausdruck „Pommes mit allem“ war nicht geboren. Zur damaligen Zeit gab es weder Hasch noch Aids, FCKW, PVC, Smog, Ozonlöcher oder Designerdrogen. Friseure hießen nicht Hairstylisten, Masseure nicht Physiotherapeuten. Bierkutscher waren keine Getränkelogistiker, Unkraut hieß nicht Spontanvegetation.

Die Kinder liefen auf der Straße herum, kauften für ein paar Pfennige ein Eis, eine Tüte Studentenfutter oder eine Flasche Limonade. Täglich eine Stunde Fußweg zur Schule war für viele Normalität. Niemand wäre auf die Idee gekommen, nach kostenlosen Schulbussen zu rufen.

Jeder war seine eigene Selbsthilfegruppe. Zu glauben, dass der Staat alle versorgen würde, die vorher über ihre Verhältnisse gelebt haben, war undenkbar. Wer mehr ausgab, als er einnahm, galt als krimineller Bankrotteur. In dieser Zeit wurden Ohrfeigen noch nicht als Folter angesehen, Weinerlichkeit galt nicht als besonders männlich . Verurteilte Mörder bekamen niemals Ausgang.

Züge wurden von Dampfloks gezogen, Pflüge von Pferden oder Ochsen. Das alles hat diese Generation erlebt und teils überlebt.

Ein bisschen Ausgangssperre, Mund-Nase-Bedeckung oder der Verzicht auf Auslandsreisen kann diese Menschen wahrlich nicht erschüttern. Das Einzige was Sie krank macht, ist Einsamkeit.

Bleibt gesund!

Ludwig Wocheslander, Brühl

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional