Leserbrief

Energie Stellen Automobilhersteller Gefahren und Probleme der Antriebstechnik mit Wasserstoff aus Marketinggründen falsch dar?

Brennstoffzelle zähmt Knallgas

Seit 24 Jahren experimentiert Daimler Benz mit Brennstoffzellen- (BZ)-Autos (Brezelmobile). 2009 schienen die publikumswirksamen Bemühungen mit einer BZ-Version des B-Klassemodells Erfolg zu haben, doch zu der angekündigten Serienreife ist es nicht gekommen.

Jetzt hat Daimler Benz ein neues BZ-Fahrzeug namens GLC F-Cell auf der Basis eines Geländewagens vorgestellt (SZ vom 5. Mai). Mit nur 4,4 Kilogramm Wasserstoff komme man auf eine Reichweite von 447 Kilometer. Das klingt geradezu sensationell, wenn man bedenkt, dass man mit 4,4 Kilogramm – entsprechend 5,8 Liter – Benzin nur 100 Kilometer weit kommt. Hinzu kommen noch 49 Kilometer Fahrt mit Strom aus einer Batterie, sodass die Traumgrenze von 500 Kilometer mit einer Ladung erreichbar erscheint.

Die unangenehme Kehrseite der Sache ergibt sich aus der Frage nach Verbrauch und Tank des GLC F-Cell. Ein mittlerer Benziner benötigt für 500 Kilometer rund 30 Liter Sprit aus seinem 50 bis 60 Liter fassenden Tank. Der entsprechende Wasserstoff- (H2)-Verbrauch dagegen beträgt unglaubliche 49 000 Liter, das heißt 49 Kubikmeter! Diese enorme Menge kann im Auto nur durch Komprimierung auf einen Bruchteil des ursprünglichen Volumens untergebracht werden. Von der aufwendigen Alternative „Flüssig-H2“ (- 253 Grad Celsius, Kryotechnik) kann abgesehen werden.

Schon in 2009 befanden sich im damaligen Daimler Benz Brezelmobil auf Basis B-Klasse Drucktanks. Sie konnten aber nur mit 300 bar befüllt werden, so dass die Reichweite nur unbefriedigende 300 Kilometer betrug.Im neuen GLC Fuel Cell hat man drei Hitec-H2-Hochdrucktanks untergebracht, in denen die 49 Kubikmeter H2 mit sage und schreibe 700 bar auf ganze 120 Liter zusammengepresst werden. Man kann sich vorstellen, dass so manchen Interessenten beim Probefahren ein mulmiges Gefühl beschleicht, wenn er begreift, dass sich unter ihm Wasserstofftanks mit 700 bar Hochdruck befinden.

Wie reagiert er, wenn er erfährt, dass H2 nach aktueller internationaler Gefahrengutklassifikation als „extrem entzündlich“ eingestuft wird. Wir erinnern nur ungern daran, dass das größte Luftschiff aller Zeiten, die „Hindenburg“, 1937 in Lakehurst binnen weniger Minuten zu einem glühenden Gerippe verbrannte, mit Wasserstoff gefüllt war. Die verheerenden Explosionen in Tschernobyl 1986 und in Fuku-shima 2011 wurden durch Wasserstoff verursacht. Es versteht sich von selbst, dass sich die mit H2 verbundenen Brand- und Explosionsgefahren verstärken, wenn Gas unter hohem Druck austritt. Nicht von ungefähr nennt man eine bestimmte Mischung von Wasserstoff und Sauerstoff unter gewissen Bedingungen „Knallgas“. Nomen est Omen! In einer Brennstoffzelle werden die gleichen Gase zusammengebracht, doch ein bestimmtes Mischungsverhältnis, Katalysatoren und so weiter sorgen dafür, dass es trotz erheblicher Hitze nicht kracht.

Die zu einer solchen 700-bar-H2-Autotechnik gehörende Logistik ist ein schwieriges Kapitel für sich. Man braucht spezielle Gasometer mit der roten Raute für die Gefahrengutklasse 2.1. Der Umgang mit der schweren Hochdruckzapfpistole dürfte wohl entsprechend geschultem Personal überlassen werden. All diese problematischen Seiten der fortgeschrittenen Brezelmobiltechnik sind den betreffenden Herstellern natürlich vertraut. Es drängt sich die „hochnotpeinliche“ Frage auf, wieso sie mit dieser Sache immer wieder an die Öffentlichkeit treten, obwohl sie doch wissen müssen, dass deren verdeckte Schwächen vom autointeressierten Publikum über kurz oder lang erkannt werden. Antwort: Sie lassen es darauf ankommen dass sie etwas spektakulär Neues präsentieren können bevor ihr Image an der Desillusionierung der Öffentlichkeit in Bezug auf das gerade präsentierte BZ-mobil Schaden nimmt. Solange man sich von diesem einen Imagegewinn zugunsten der konventionellen Fahrzeuge verspricht, werden unangenehme Details verdeckt oder verschwiegen. Da ist insbesondere die zwar formal richtige, aber irreführende Verbrauchsangabe „4,4 kg H2 für 447 km“, die über die mehrdimensionale Problematik der Unterbringung von 49 Kubikmetern H2 in einem Pkw hinwegtäuscht. Man möchte den Eindruck eines „zukunftsorientiert-fortschrittlichen“ Herstellers zugunsten der konventionellen Produktpalette mit Hilfe einer spektakulaeren Neuheit pflegen, ohne gezwungen zu sein, das unausgereifte Konzept in den Markt drücken zu müssen.

Man weiß sich dabei des Beistands der Fachpresse sicher – nach dem Motto „einem Premiumhersteller spuckt man nicht in die Suppe“. So hat etwa die „ADAC motorwelt“ einen leicht euphorischen Bericht über den neuen „Ix35 Fuel Cell Nexo“ von Hyundai gebracht, in dem von 550 Kilometern Reichweite die Rede ist, ohne auch nur ein Wort über das Thema Verbrauch zu verlieren. Bei Berichten über konventionelle Neuheiten undenkbar! Die Redaktion dürfte sich gesagt haben dass eine Verbrauchsangabe in Kilogramm H2 nur von der extremen Minderheit der Erdgasfahrer verstanden wird, während eine sachgerechte Angabe in Kubikmetern eine für den großen Hersteller ärgerliche abschreckende Wirkung hätte.

Wenn Daimler Benz, Hyundai, Toyota und andere das Gefühl haben, die Öffentlichkeit durchschaut die laufende Brezelmobil-Täuschungsmasche, so kreiert das Marketingmanagement eine neue aufsehenerregendeEntwicklungsmeldung .

Man fühlt sich in diesem Kontext in die Welt der Promis versetzt: Es kommt nicht auf Wahrheiten an, sondern darauf, wahrgenommen zu werden.

Dr. Felix Conrad, Hockenheim

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