Leserbrief

Klimamaßnahmen Wer den Individualverkehr verbannt, wird auch bald keine Geschäfte mehr haben / Mit Augenmaß vorgehen

Das Fahrrad ist kein Allheilmittel

Hallo, liebe Stadtväter! Ihr möchtet das Auto am liebsten aus Euren Städten verbannen? Damit es in der Stadt wieder frische Luft gibt – wie im deutschen Wald? Habt ihr schon einmal über die Konsequenzen nachgedacht? Die Ländler aus dem grünen Speckgürtel, wo das gute Einkommen residiert, sollen dann mit dem Rad zu Euch in die Stadt kommen und Klamotten kaufen? Dies möglichst, ohne Plastiktüten in die Radtaschen zu stecken? Hoffentlich scheint oft die Sonne, damit das klappt. Sonst drohen haufenweise Insolvenzen, weil die hohen Mieten nicht mehr erwirtschaftet werden können.

Dann werden Eure Innenstädte noch mehr veröden! Vor der Stadt auf großen Plätzen parken und die letzten Meter mit dem E-Roller bewältigen? Geht’s noch? Das bei einer immer älter werdenden Gesellschaft! Ganze Familien mit dem E-Roller? Sich in überfüllten und unsauberen öffentlichen Verkehrsmitteln anpöbeln oder gar anstecken zu lassen, ist auch keine Alternative. Gerade in diesen Zeiten ist das Auto der sicherste Ort. Das klingt schlimm, besonders für alle, die sich der Umwelt verpflichtet fühlen und glauben, dass der Individualverkehr ganz verhindert werden sollte.

Nach dem letzten Krieg waren viele Städte stark zerstört. Beim Wiederaufbau hat man diese autofreundlich gestaltet, was man heute als Fehler ansieht. Jede Zeit hat halt ihre Wahrheit, und damals war das die angesagte. Das Auto war Symbol des Fortschritts und hat erst den Wohlstand in unser Land gebracht.

Es ist falsch, es zu verteufeln. Noch immer hängen zigtausende unserer Arbeitsplätze von ihm ab. Seine Benutzung immer mehr zu erschweren ist zweifellos „in“! Dabei sollen wir uns möglichst in immer kürzeren Abschnitten ein neues Auto kaufen, um vermeintlich die Umwelt zu schützen, obwohl dessen Produktion mehr Schaden bringt als der Tausch. In die Infrastruktur der Straßen wird nicht mehr genügend investiert, lieber in Radschnellwege, die Ackerland kosten. Auch das Abstellen der Autos wird bewusst erschwert. Mit immer neuen Maßnahmen wollt ihr die Autofahrer vergraulen. Nun, macht mal schön! Eure Innenstädte werden zu „No-go-Areas“, wenn es dort keine Geschäfte mehr hat.

Corona macht Euch einen weiteren Strich durch die Rechnung. Anprobieren mit Maske? Nein danke! Geh’ nicht in die Stadt, geh’ nicht in die Stadt – so tönt es aus dem Radio. Man könnte es sich zu Herzen nehmen und nur online einkaufen. Hier ist der Markt immer geöffnet – und alles wird vor die Haustür geliefert. Das Parken in Euren Kommunen ist außerdem ganz schön teuer. Die Werbung, regional einzukaufen, wird so ad absurdum geführt.

Andererseits hören wir gerade jetzt oft alte Titel wie den von Petula Clark: „Down town“ erinnert uns daran, wie wunderschön es war und hoffentlich bald einmal wieder ist, in der Stadt einen Einkaufsbummel zu unternehmen! Auch ab und zu mit einem kurzen Besuch die Atmosphäre dort zu genießen! Im Moment merken wir gerade sehr schmerzlich, wie uns das allen fehlt. Einkaufen in der Stadt? Zurzeit nur, wenn man muss, schließlich sind unsere Schränke noch gut gefüllt. Viele Menschen haben sich ihren Traum erfüllt, fern der Stadt im grünen Gürtel ein Haus zu bauen. Die Umlandgemeinden gaben immer mehr Baugebiete frei, freuten sich über zugewanderte Neubürger und zugewandertes Geld.

Doch in den verdichteten und beruhigten Neubaugebieten gibt es keine Geschäfte. So sieht man logischerweise sehr viele junge Mütter, die mit Kind und SUV auf Einkaufstour sind – zwangsläufig.

Es gibt auch den gegenläufigen Trend. Menschen drängt es in die Städte. Sie sollten akzeptieren, dort nicht den Bayerischen Wald vor der Haustür zu haben oder die Ostsee, so wie es Kurt Tucholsky in seinem Gedicht „Das Ideal“ sehr gut thematisiert. Jede Stadt hat ein eigenes Klima. Mannheim liegt nicht im Kessel wie Stuttgart. Deswegen kann es keine generellen Maßnahmen geben, wie es die Umwelthilfe verlangt. Arm aber sexy zu sein, ist keine Zukunftsperspektive für die Städte.

Klaus Tremmel, Ketsch

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