Leserbrief

Integration Was ein Kfz-Mechatroniker alles können muss, um seine Prüfung zu schaffen / Komplizierte Sprache im Lehrbuch

David will einfach nur Deutsch lernen

Auf der Flucht vor einem siebenjährigen, hochgefährlichen Wehrdienst ist David vor vier Jahren nach Europa geflohen und schließlich in Deutschland gelandet. So wie einer der Bremer Stadtmusikanten: Etwas Besseres als den Tod würde er überall finden. Er wurde in Schwetzingen untergebracht.

Ein „Freiwilliger“, früher Französischlehrer, unterrichtet ihn seitdem in Deutsch und half ihm, ein Praktikum als Kfz-Mechatroniker zu finden. Mit seinen Fähigkeiten überzeugte er seinen Meister auf Anhieb und bekam einen Ausbildungsplatz. Nun geht sein zweites Lehrjahr zu Ende mit einer Prüfung, deren Ergebnis mit 35 Prozent in die Endnote seines Facharbeiterbriefs eingehen wird. Schwierig ist für den jungen Mann, der neben seiner Muttersprache schon Englisch und Französisch, die offiziellen Sprachen seiner Heimat, gelernt hat, verständlicherweise das Deutsche.

Aber was für ein Deutsch soll er da lernen! Abstrus, hochgestochen und altertümlich! Eine Kostprobe gefällig? Erst mal die Inhalte: Der Satz „ausschließliche Gesetzgebung des Bundes und der Länder, Rahmen- und konkurrierende Gesetzgebung“ – das würde auch 90 Prozent von uns allen überfordern.

Frustrierender und beinahe quälend sind jedoch die Erklärungen über fünf, auch noch eigens fotokopierte Seiten hinweg: „Was der Bund in seinem Zuständigkeitsbereich nicht geregelt hat, können die Länder durch eigene Gesetze regeln, bis der Bund von seiner Kompetenz Gebrauch macht und seinerseits den Sachverhalt für das gesamte Bundesgebiet regelt.“

32 Wörter in einem Satz. Man denkt, David absolviere ein juristisches Proseminar. Wer von uns benutzt noch Wendungen wie „von einer Sache Gebrauch machen“? Das klingt doch wie bei Wilhelm Buschs „Max und Moritz“: „Drittens aber nimmt man auch ihre Federn zum Gebrauch.“ Das ist noch zu entschuldigen, weil der Dichter ein Reimwort für „auch“ benötigte. Aber doch nicht auf einem Unterrichtsmaterial, das extra für Deutschlernende gemacht ist!

Drei bescheidene Bitten habe ich an alle, die in unseren Schulen David und seine Freunde unterrichten:

Habt Verständnis für die Schwierigkeiten unserer Sprache.

Wenn Ihr erfreulicherweise Handreichungen verfasst, sollten sie so kurz und klar wie möglich formuliert sein.

Erklärt, wenn schon nötig, Randprobleme unserer Verfassung mit einfachstmöglichen Beispielen.

Eine kleine Anregung noch: Könnte man nicht – wenigstens einen Teil der Prüfung – in Englisch oder Französisch absolvieren lassen? Helft David und seinen Freunden, die Deutsch ja eigentlich lernen wollen.

Helmut Mehrer, Brühl

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