Leserbrief

Über den Frühling der Hoffnung und den Winter der Verzweiflung / Homo Enterprisensis und die Vision einer besseren Welt

Demokratie vor Bruchlandung?

Unter Enterprise BER findet man im Internet ein Filmchen, in dem das neue Raumschiff Enterprise unter Kapitän Jean Luc Picard Richtung Erde unterwegs ist, um sein „Vehikel“ dort aufzutanken. Man schreibt das Jahr 3745. Einzige Landemöglichkeit ist der Flugplatz Berlin-Brandenburg.

Kurz nachdem Picard feststellen muss, dass Wowereits Flughafen immer noch nicht fertiggestellt ist, kommt es deswegen zur Bruchlandung des Raumschiffes.

Diese Satire steht synonym dafür, dass man froh sein kann, dass überhaupt noch was funktioniert. Und in der Tat, wenn man morgens die Schwetzinger Zeitung durchblättert, entsteht nicht nur bei mir der Eindruck, als herrsche fast überall das totale Chaos.

Das fängt bei Bauprojekten an, geht über die Fehler im Sozialsystem, die gerne gegen das Dauerthema Migration ausgespielt werden, bis hin zum Lieblingsthema Fußball, wo mittlerweile zwischen Halbmond und Kruzifix der Haussegen auch ziemlich schief hängt. Wir leben in der Tat in einer Zeit des Umbruchs und eine Reihe sogenannter Experten will uns erzählen, wie wir künftig leben werden. Kaum jemand fragt jedoch, ob wir überhaupt so leben wollen.

Diffuse Ängste einerseits und überbordender Konsum anderseits bestimmen unseren heutigen Alltag in einer Welt, die am Nasenring durch die Arena des Mammons gezogen wird.

Die Gesprächs- und Streitkultur – und somit die Toleranz generell – nimmt meiner Erfahrung nach zunehmend unterirdische Formen an. Viele von uns haben offensichtlich vergessen, dass es auch eine andere Art von Reichtum jenseits der Gier gibt, denn am Ende bleibt nur die Zeit, die wir auf einem Wunder der Schöpfung verbringen dürfen.

„Lebe jetzt. Mach das heute immer zum Wertvollsten, was Du hast, denn das heute kehrt niemals wieder“, so formulierte Raumschiff-Kapitän Picard in einer Enterprise-Episode. Gene Roddenberry, der „Erfinder“ von Raumschiff Enterprise, verstand sein großartiges Filmprojekt eben auch als eine „soziale Philosophie“.

Seine Ideen vom Respekt für die vielfältigen Kulturen und Lebensformen, die Ablehnung jeder Art von Diskriminierung, Sklaverei, Rassismus und anderer Unterdrückung, sein Votum für die Überwindung von Krieg und Armut, seine Positionen gegen tyrannisch-totalitäre politische Ordnungen, gegen jeglichen Dogmatismus, seine Hochschätzung des Einsatzes der Wissenschaft für friedliche Zwecke – um nur einige der wichtigen Ideen zu nennen – prägen die ganze Gedankenwelt der Serie „Raumschiff Enterprise“.

„Es war die beste aller Zeiten, es war die schlimmste aller Zeiten, es war das Zeitalter der Weisheit, es war das Zeitalter der Dummheit, es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens, es war die Saison des Lichts, es war die Saison der Dunkelheit, es war der Frühling der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung . . .“ Dies schrieb Charles Dickens – der Autor der Geschichte von „Oliver Twist“ – in seinem Roman: „Eine Geschichte aus zwei Städten“ bereits im Jahr 1859.

Dieser historische Roman spielt in Paris und London, vor und während der Französischen Revolution, also gleichfalls in einer Zeit des Umbruchs, nur dass eben damals kaum jemand seines Lebens sicher war.

Dass auf unserer Welt auch heute noch vieles falsch läuft, sieht jeder, der mit offenen Augen durch die Zeit geht.

Nur hege ich Zweifel, ob jene, die vorgeben, einfach mal nur den Stall ausmisten zu wollen, nicht am liebsten auch eine neue „Stallordnung“ einführen würden, die nicht unbedingt wirklich demokratisch ist.

Oder um es mit Kapitän Picards Worten auszudrücken: „Mit dem ersten Glied ist die Kette geschmiedet: Wenn die erste Rede zensiert, der erste Gedanke verboten, die erste Freiheit verweigert wird, sind wir alle unwiderruflich gefesselt.“

Hoffen wir, dass das Gute, was wir bisher erreicht haben, uns auch für die Zukunft erhalten bleibt. Und stellen wir uns allem in den Weg, was versucht, uns dieses Gute wegzunehmen!

Herbert Semsch, Brühl.

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