Leserbrief

Rechts und links Politisch und religiös motivierte Morde sind stets Verbrechen – egal von welcher Seite sie verübt werden

Der gute Wille und die bösen Menschen

Ein Dauerleserbriefschreiber nutzte letzte Woche die Gelegenheit eines Mordes mit politischem Motiv, um einen Moralappell („Deutschland braucht den guten Willen“) via Zeitung zu verbreiten. Ob dieser gute Wille nur wirken kann, wenn man dabei als Kontrast den Dämon, den bösen Menschen beschwört, ist aber eher zweifelhaft. Warum dieser wiederholte Kotau vor dem linkspopulistischen Zeitgeist? Warum diese devote Übernahme von Meinungs- und Haltungsvorgaben des aktuellen Meinungsstroms? Selbst die Grünen wollen laut ihrem Häuptling Habeck inzwischen nichts mehr vom alten Lagerdenken Rechts-Links wissen.

Wie gewohnt sind immer und allein die „bösen Rechten“ an allem schuld, an der vermeintlichen Klimakatastrophe ebenso wie an der Tat eines politischen Wirrkopfs, der wohl aus irrationaler Wut gehandelt hat. Und wahrscheinlich sind diese Bösewichte auch fürs Bienensterben, den Brexit und die Bevölkerungsexplosion in Afrika verantwortlich. Der Feind steht immer rechts und dem „Kampf gegen Rechts“, dem wichtigsten Solidarisierungsmittel des linksgrünen Spektrums, wird ausgiebig und bis zur Grenze der Lächerlichkeit gehuldigt. Gewaltbereite sogenannte Antifaschisten gibt es hingegen gar nicht und gegen den Hamburger G20-Gipfel 2017 zog die „Antifa“ ja nur mit Gewalt gegen Autos, Häuser und Polizisten. Auf eine moralisierende Würdigung dieser Exzesse durch eifrige Volkspädagogen wartet das Publikum bis heute.

Ebenso fallen historische Exkurse stets selektiv und ohne Kontext aus. Bei Rückblicken solch einseitiger Art wären Figuren wie Stalin und Mao keine Massenmörder, sondern Volkserzieher und fortschrittliche Politiker mit ein paar Millionen Toten als „Kollateralschäden“.

Der 90-jährige Habermas, angeblich Philosoph von Weltrang, von dem vermutlich die Mehrheit der Welt noch nie was gelesen hat, wird dann noch als Kronzeuge der hypermoralischen Weltsicht herbeizitiert. Dieser Protagonist klassischer Europalinker glaubt an rationale Verständigung, obwohl wir gerade hierzulande in der multikunterbunten Merkelwelt alles andere als diese haben. Bekanntlich ist ja Platon an allem schuld. Aber eine Pflichtethik, die Politik und Kirchen heutzutage feierlich und mit wachsender Be-geisterung zelebrieren, ohne an ihre Konsequenzen zu denken, kannte er noch nicht. Bei der aktuellen Produktion von „Haltung“ genügt der Traum vom künftigen menschgemachten Paradies auf Erden. Die Guten und die Bösen stehen dann eh fest. Der Rest ist Malen nach Zahlen.

Politisch oder religiös motivierte Morde sind stets Verbrechen und pervertieren das Motiv, egal von welcher Seite sie begangen werden. Meinungen dazu bleiben Meinungen und nicht Wahrheit. Ob bei der im Hintergrund des Mordes an Lübcke mitschwingenden Migrationsthematik die einen oder die anderen richtig liegen, werden wir erst in ein paar Jahren wissen. Dann aber ist es für Korrekturen zu spät. Fakten sind entweder richtig oder falsch, aber sie lassen sich verschieden interpretieren. Wer seine Art der Weltsicht missionarisch als einzig gültige Wahrheit verkündet, ist weder tolerant noch vielfältig, sondern einseitig und einfältig. Es gibt nur noch zwei Seiten, die Hüter der gerade angesagten Moral und das absolut Böse auf der Gegenseite. Das aber ist lügen für die Wahrheit, genau wie in George Orwells Roman „1984“.

Winfried Wolf, Plankstadt

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