Leserbrief

Ermordung Walter Lübckes Den Entwicklungen von Rechts endlich entgegenwirken / Kardinaltugenden pflegen

Deutschland braucht den guten Willen

Achte auf deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf deine Worte, denn sie werden Handlungen. Wo steht Deutschland heute? Die Gesellschaft wird aggressiver. Die zwischenmenschliche Atmosphäre hat sich eingetrübt. In den sozialen Medien nehmen Beleidigungen und Drohungen ebenso zu wie Übergriffe und Körperverletzungen auf den Straßen. Und nun wurde sogar ein hoher Politiker ermordet.

Die Warnung des Talmud endet nicht bei den Handlungen, sie führt weiter über zu achtende Gewohnheiten, zum Charakter und endet beim Gesetz. So wie am 30. Januar 1933, als Hitler Reichskanzler wurde, am 5. März 43,5 Prozent der Stimmen erhielt, die Grundrechte außer Kraft setzte und Deutschland mit seiner Propaganda überzog. Ende März hätte er, meinte Sebastian Haffner, sogar 70 bis 80 Prozent der Stimmen erhalten.

Vor einer ähnlich schicksalhaften OB-Wahl stand Görlitz am 16. Juni. Zwei Tage zuvor veröffentlichte die Neue Züricher Zeitung Äußerungen des AfD-Kandidaten Wippel: „Wenn [Ministerpräsident] Kretschmer hier im September antritt, dürfte es für ihn bitter werden. Wenn Görlitz fällt, dann fällt Sachsen und dann ganz Deutschland. Es klingt, so die NZZ, wie ein Schlachtplan – und das ist es wohl auch. Wippel gewann zwar nicht, aber seine 44,8 Prozent deutete er trotzdem als Sieg. Immerhin bekam er mehr als Hitler 1933. Und für die Kampagne, die er anschließend losgetreten hätte, hatte er ein Vorbild. Also noch einmal: „Wo stehen wir Deutsche?“ Sind uns die Übergriffe der Rechten, von Facebook-Hetzen bis zu Angriffen auf Juden, Muslime und Flüchtlinge, so alltäglich geworden, dass wir nur noch die Schultern zucken? Der Mord an Regierungspräsident Lübcke hat nun doch etliche Politiker aufgeschreckt. Bundespräsident Steinmeier und Kanzlerin Merkel haben lückenlose Aufklärung und eine Distanzierung von der Rechten gefordert. Aus gutem Grund. Die Parallelen zur Weimarer Republik, zwischen den Aufrufen zur Ermordung demokratischer Politiker damals und identischen Facebook-Postings heute, sind nicht zu übersehen. Finanzminister Erzberger und Außenminister Rathenau fielen rechten Attentätern zum Opfer. Besonders gehässig war der Aufruf, Rathenau ums Leben zu bringen: „Stecht ab den Walter Rathenau, die gottverdammte Judensau.“ Nach diesem zweiten Mord erkannte Kanzler Josef Wirth im Reichstag: „Da steht der Feind, der sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. Da steht der Feind – und darüber ist kein Zweifel: dieser Feind steht rechts!“

Wem daran liegt, dass auch die weitere Geschichte sich nicht wiederholt, der muss über Gegenmaßnahmen nachdenken. Noch ist Zeit dazu. Deutschland sollte sie nutzen und sich nicht an rechte Morde gewöhnen. Was aber können Bürger tun, die ihre Demokratie verteidigen.

Ratschläge gibt es: Jürgen Habermas hat in einer Jubiläumsvorlesung anlässlich seines 90. Geburtstags das „Verhältnis von Moralität und Sittlichkeit“ behandelt. Der in den Medien als einziger deutscher von Weltrang gefeierte Philosoph, setzte seinen Schwerpunkt auf Kommu-nikation, auf den Diskurs, den Austausch von Gedanken und das Verfolgen von Zielen. Damit lieferte er einen indirekten Beitrag zur Überwindung der aktuellen Gefahr.

Freie demokratische Gesellschaften sind auf offene Kommunikation angewiesen, und unfreie leiden unter ihren Fehlern. Spiegelbildlich ergibt sich daraus, dass die Grundrechte, also die Freiheit des Denkens, Meinens und Glaubens, zwar missbraucht werden können, aber auch zu ihrer Verteidigung auffordern. Wo Grundrechte gelten, vertrauen die Bürger ihrem Staat. Sie fühlen sich in ihrer Menschenwürde geachtet, dem ersten Wort des ersten Artikels unserer Verfassung, das alle weiteren Gebote stärkt.

Wer nun aber sittlich und moralisch einwandfreie Grundsätze des Zusammenlebens sucht, wird möglicherweise damit nicht zufrieden sein. Er könnte nach Prinzipien fragen, nach Tugenden, über die in der Tat einige Vorgänger von Habermas nachgedacht haben. Ein Blick ins Internet führt uns zu den Philosophen Johann Friedrich Herbart (1776-1841) und Josef Pieper (1904-1997). Sie erheben gemeinsam „Gerechtigkeit und Tapferkeit“ zu Kardinaltugenden. Herbart ergänzt sie um „Freiheit und Güte“, Pieper um „Klugheit und Mäßigung“. Alle zu „Kardinaltugenden“ gewordenen sechs Begriffe zeichnen sowohl einzelne Menschen wie ganze Gesellschaften aus. „Freiheit“ gilt jedoch eher als Qualität einer Gesellschaft, und von „Güte“ würde man eher bei einem Menschen sprechen. Sie erläutert auch den „guten Willen“ in der Tugenddefinition von Herbarts Zeitgenossen Immanuel Kant: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“

Gerechtigkeit, Tapferkeit und guter Wille als Waffen der Philosophen für die Auseinandersetzung mit den Rechten stärken ohne Zweifel die Demokratie. Was aber tragen die Theologen bei, die sich von ihnen durch die Annahme der Existenz Gottes unterscheiden? Beim evangelischen Kirchentag vom 20. bis 23. Juni in Dortmund war die AfD nicht vertreten, da von ihr kein Beitrag zum Thema „Was für ein Vertrauen“ erwartet wurde. Die Partei hat nicht widersprochen.

Nimmt man einige Sätze aus den Dortmunder Predigten, versteht man das Fehlen des Protests: „Das Vertrauen in unserer Gesellschaft schwindet. Die Menschen reagieren wie Seismographen. Ihre scheinbaren Sicherheiten geraten ins Wanken“, „Wie kann es uns gelingen, unser Klima zu retten?“, „Können wir weiter ertragen, und was müssen wir tun, damit nicht mehr so viele Menschen im Mittelmeer sterben?“

Solche feinfühligen, mitmenschlichen Sorgen um Deutschlands Zukunft und Verantwortung der Welt stehen in vollem Gegensatz zu den Reden rechtspopulistischer Parteien und Gruppen.

Helmut Mehrer, Brühl

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