Leserbrief

Ostergedanken Alle Besitz ist nur Lehen – sagt schon Seneca

Die Angst vor dem Fremden

Irgendwo ist alles eine Frage der Zeit. Seit es Menschen gibt. Hunger und Elend durch Kriege, aber auch Umweltzerstörung (Stichwort: Palmölplantagen) oder Klimaerwärmung führen dazu, dass bis zu 80 Millionen Menschen auf der Flucht sind. Neben gedankenloser Gleichgültigkeit spielt die Profitgier eines menschenverachtenden Systems eine nicht unwesentliche Rolle.

Ein System, das einerseits maßlosen Überfluss, aber auch unsägliches Leid produziert und von diesem auch noch „lebt“. Neben Billigklamotten, die unter katastrophalen Verhältnissen in Bruchbuden im Fernen Osten produziert werden, denke ich dabei auch an Konzerne, die Menschen in Afrika oder Südamerika von ihrem Land vertreiben, um dieses auszubeuten. Die Vertriebenen können ihr Wasser nicht mehr wie früher aus Quellen schöpfen, sondern müssen es in Plastikflaschen teuer bei Nestlé kaufen.

Trotzdem ist Migration kein Phänomen allein unserer Zeit. Ob biblischer Exodus oder die „Gastarbeiter“, die im alten Rom aus den Provinzen ins Zentrum der Macht – oder im 20. Jahrhundert umgekehrt nach Zentraleuropa strebten: Das gibt es wohl schon, seit es Menschen gibt.

Ein Teil der aktuellen Probleme verdanken wir auch dem Umstand, dass ein längst überfälliges Einwanderungsrecht bis dato nicht existiert. Hätte man vor 50 oder 60 Jahren gefragt, ob der Islam zu Deutschland gehört, die meisten hätten dem Fragesteller wohl den Vogel gezeigt. Und wie sieht das heute aus? Neben Befürwortern und Gegnern der Ansicht „der Islam gehört zu Deutschland“ ist die Einstellung vieler diesbezüglich eher ambivalent, also zwiespältig und zumindest hat die Diskussion hier rüber manchmal einen schizophrenen Charakter.

Je nach Sichtweise und Begründung kommt man zu dem Schluss, weshalb der Islam zu Deutschland gehört – oder eben nicht. Und die Antwort darauf wird für die meisten in 50 Jahren eh eine andere sein, als sie es heute ist.

Auch die aktuelle Flüchtlingsproblematik tut ihr Übriges, denn es vergeht fast kein Tag, an dem wir nicht erfahren, wie gut manche mit dem Messer umgehen können. Ja, mit der Toleranz geht es immer weiter bergab und das liegt nicht nur an den „Wutbürgern“. Es liegt auch an einer ständigen Überforderung im Alltag und der stoischen Ignoranz derer, die über ihrem traumtänzerischen Elfenbeinturm schweben und meinen, sie könnten die Bürger für dumm verkaufen.

Letztendlich ist unser Hauptproblem, dass wir vergessen haben, was wirklich wichtig ist. „Aller Besitz ist nur Lehen – allein die Zeit ist unser“, schrieb Seneca vor 2000 Jahren. Ein Zeitgenosse von ihm wurde wegen ähnlich tiefgründiger Erkenntnisse gekreuzigt. Es ist eine Krux – nicht nur mit den Religionen, sondern mit uns Menschen überhaupt.

Herbert Semsch, Brühl

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