Leserbrief

Querdenker-Demos Verständnis für Zweifel, aber nicht für Verantwortungslosigkeit und für die Aufforderung Drohmails zu schreiben

Die laute Schamlosigkeit des Bösen

Immer wieder hört man, die Zahlen der Corona-Infizierten und dem Virus zugeschriebenen Todesfälle besagten wenig. Aber warum stehen sie dann an der Spitze der Nachrichtensendungen? Es gibt nur eine Antwort: Hörer und Leser verlangen danach. Weshalb? Vermutlich sehen sie darin den Hauptgrund ihres gegenwärtigen Leidens. Sorgen und Angst lähmen sie. Und „niemand ist da, der hilft“, wie Psalm 22 klagt.

Eine stille Quelle der Hoffnung gibt es freilich: die Wissenschaft. Sie hat einen Impfstoff entwickelt und verfügt über gesicherte Erkenntnisse. Sie hält sich aber an ihre selbst auferlegte Moral, bekennt sich zu Grenzen ihres Wissens und erträgt ihre nur tastenden Fortschritte.

Eine verantwortungslose und ungebildete Minderheit hingegen hat Oberwasser. Sie demonstriert und verunsichert die Gesellschaft. Ihr Getöse übertönt vermutlich sogar ihr eigenes schlechtes Gewissen. Als selbst ernannte „Querdenker“, wissen sie zwar wenig, widersprechen aber den zuverlässigsten Fachleuten, Epidemiologen und Virologen. Überall präsentieren sie einen HNO-Arzt, der behauptet, das Virus sei harmlos, Abstand zu halten Quatsch und das Tragen von Masken sogar gefährlich.

So unsinnig das ist, sie gewinnen Zulauf. Wie Meinungsumfragen belegen, kommt ein Drittel aus der rechten Ecke und bringt gleich deren Methoden mit: Sie veröffentlicht Fotos und Namen von Mitarbeitern städtischer Ordnungsämter, stellen sie an den Pranger und fordern, wie bei Walter Lübcke vor zwei Jahren, zu Drohmails auf. Sie missachten schützende Gebote, lehnen jede Verantwortung für die eingeladenen Teilnehmer ihrer Demonstrationen ab und haben durch Gerichtsurteile alle städtischen Verbote gekippt. Bisher! Letzte Woche jedoch hat das Bundesverfassungsgericht das Verbot Bremens bestätigt.

Während also die einen reden, ohne etwas zu wissen, konzentrieren sich die anderen auf das, was erforscht ist, und geben zu, wo ihre Grenzen liegen. Ohne diese Ehrlichkeit würden Regierungen und Parlamente ihnen gewiss nicht zustimmen. Im Stillen nagt freilich Missmut an den Bürgern: Hätten die verschiedenen Lockdowns nicht erfolgreicher sein müssen?

Wer hätte kein Verständnis für diese Zweifel. Die Situation erinnert an 2014. Als die Zahl der Flüchtlinge wuchs, entstand in aller Stille eine breite Bewegung freiwilliger Helfer, die Verantwortung für Schutzsuchende übernahm. Aber auch Pegida. Diese Gegner jeder Aufnahme Hilfsbedürftiger drangen über die AfD in die Parlamente. Vor Kurzem prüften sie die Standfestigkeit der FDP Thüringens und nun der CDU Sachsen-Anhalts. So unbedeutend der Anlass sein mag – 86 Cent Gebührenerhöhung – Ministerpräsident Haseloff kommt nicht umhin, sich einer Zusammenarbeit mit der AfD zu widersetzen.

Deutschland und Europa müssen sich für Menschenrechte, weltweite Zusammenarbeit und die Rettung des Klimas engagieren. Und zum Start die Bürger motivieren, sich und andere im Geist von 2014 und mit aller Kraft vor Ansteckungen zu schützen. Mit der AfD würde das niemals gelingen.

Helmut Mehrer, Brühl

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