Leserbrief

Angstmacherei Das Vermögen, falsche Probleme zu erzeugen und daran zu glauben, das ist Dummheit

Die Macht der Sprache spaltet die Gesellschaft

Die von „Aufbruch 2016“ und der Werte-Union vorgezeichneten Untergangsszenarien unserer Gesellschaft bedienen sich in Wortwahl und Ton faschistischer und demagogischer Elemente der späten 1920er-Jahre. Ziel ist es, den Riss in unserer Gesellschaft, der durch die Unterteilung in Leistungsträger und -verweigerer entstand, zu vergrößern und zu manifestieren. Dies geschieht wohl in der Hoffnung, dass große Teile unserer Bürger sich mit Frust aus der politischen Betätigung zurückziehen und somit den Weg frei machen für den Faschisten Höcke, den Ex-Zeitungsherausgeber Gauland, Meuthen und Konsorten.

Wehling und Lakoff, zwei Sprachwissenschaftler, haben sich mit den Auswirkungen von Sprache auf politische Denkweisen beschäftigt und stellten fest, dass sich Politik nicht rein sachlogisch vermitteln lässt, dass es dafür konsistenter Erzählungen und einer im wahrsten Sinne ansprechenden Sprache bedarf. Und dass all dem eine nicht zu unterschätzende Manipulationsgefahr innewohnt.

Dies brachte mich auf die Idee, den in der Schwetzinger Zeitung am 19. September veröffentlichten Artikel und den sich daraus ergebenden Leserbriefwechsel zur Veranstaltung aus der rechten Szene in Brühl zum Thema Migration auf die verwandte Sprache zu untersuchen. Wenn ich Artikel von Herrn Kern als richtige Wiedergabe der verwandten Worte und Begriffe ansehe, wäre der Abend ein Paradebeispiel für ein wissenschaftliches Forschungsobjekt.

So war die Rede von „gesundheitlicher Gefahr für die Bevölkerung“, dem „integrationsverhindernden Wertegraben“ und der „Migrationspolitik, die die Axt an den Wurzeln des Sozialstaates anlegt“. Weiter ging es mit Verschwörungstheorien vom „deutschen Selbsthass, der dieser Politik den Boden bereitet“ und den „80 Prozent, die sich nicht trauen, hierzu ihre Meinung zu sagen“. Dies gipfelte in der Feststellung vieler Anwesender, dass Deutschland in nicht allzu ferner Zukunft kein freiheitlich-christliches Land mehr sei. Die nach wie vor hohe Zahl der Flüchtlinge, die Jahr für Jahr nach Deutschland kämen, und deren Geburtenrate würde die Mehrheitsverhältnisse auf lange Sicht drehen und Deutschland wie Europa grundlegend verändern.

Es wurden Fakten vorgetragen, die allesamt nicht als gültig angesehen werden. Es gab Aufrufe, die AfD zu wählen, die Medien wurden als Instrument der Massenverblödung bezeichnet und ganz grundsätzlich entwickele sich das Land in einen „Gesinnungsstaat“.

Es verschlimmert sich noch, dass Frau Helbig Pfarrer Groß fragen wollte: „Was gibt Ihnen diese Massenmigration an Mehrwert, um solch eine hohe Zahl an einheimischen Opfern von Straf- und Gewalttaten jener zu tolerieren.“ Helbig stellt unterschwellig in Aussicht, wenn ein Mehrwert bei der Migration vorherrsche, seien Straftaten zu tolerieren. Was ist das für ein Menschenbild, das hier Frau Helbig zeigt. Herr Wolf spricht abfällig in seinem Leserbrief über einen anderen Leserbriefschreiber, allein aus dem Grund, eine andere Meinung zu haben. Das Verlangen nach Toleranz durch andere, setzt aber das Abhandensein der eigenen Intoleranz voraus. Er wirft anderen Fehlverhalten vor und betreibt selbst eine unangenehme Rhetorik. Geht es noch, Herr Wolf?

Und dann kommt noch Matthias Schneider aus der Pfalz, der von gravierenden Missständen und Risiken durch illegale Masseneinwanderung spricht. Im weiteren Verlauf seines Pamphlets spricht er von sogenannten Goldstücken, Akademikern und Integrationswilligen, multikulturelle Bereicherungspropaganda dominiere die Leitmedien in gleichem Maße wie Negativmeldungen im Kontext mit der Asylkrise unterdrückt würden. Er unterstellt den Medien, Meldungen zu unterdrücken und zu manipulieren. Bleiben Sie doch bei Russia Today und Ihrer Facebook- und Twitter-Blase. Alexander Mitsch beschwört die Angst vor dem Verlust unserer freiheitlichen Grundordnung. Er handelt wie der Wolf im Schafspelz. Für mich ist er der Bock, der zum Gärtner ge-macht werden soll. Nein, danke! Welche Werte der CDU will er denn bewahren, die des Ahlener Programms, eines sozial ausgerichteten Programms mit Titel „Gegen Marxismus – gegen Kapitalismus?“ Oder das ultrakonservative Programm des Zentrums und der Deutschen Reichspartei. Dies alles sind Beispiele für manipulative Macht der Sprache. Es werden Ängste geschürt, eigene Wahrheiten verbreitet, obwohl fachkundig widerlegt.

Sich selbst als bürgerlich bezeichnen und den Anderen faschistische Tendenzen vorwerfen, ist demagogisch. Die Spaltung unserer Gemeinschaft mit manipulativen Mitteln vorantreiben und daraus eigenen Nutzen ziehen, ist das Ziel dieser Angstmacherei. Thea Dorns Buch „Deutsch, aber nicht dumpf“ wird hier konterkariert. Bei „Aufbruch 2016“ und Werte-Union müsste es lauten „dumpf, aber nicht deutsch“. Christian Weissberger, Aussteiger aus der Neonazi-Szene mit Philosophieabschluss, hat Dummheit so definiert: „Dummheit ist für mich nicht die Abwesenheit von Bildung, Wissen oder ein Mangel an Intelligenz. Das Vermögen, falsche Probleme zu erzeugen und daran zu glauben, das ist Dummheit für mich, also Fähigkeit, die alle Menschen besitzen und auf verschiedenste Weise praktizieren.“

Das praktizieren „Aufbruch 2016“, Werte-Union und „Initiative an der Basis“ in herausragender Art und Weise. Sie erzeugen den Angstlevel und versuchen das Bedrohungsszenario breit und diffus aufzustellen. Umvolkung, Rechtsbruch, Wiederherstellung des Rechtsstaates, Asyltourismus, Leistung muss sich wieder lohnen, die Fremden wollen uns etwas wegnehmen, grün-versiffte 68er, Schuldkultur, Lügenpresse, Meinungsdiktatur – das sind nur einige Beispiele solcher Gedankenspielchen.

Man sollte versuchen, die Gesellschaft zu einen, nicht diffuse Ängste zu schüren sondern konstruktiv die Zukunft angehen. Den Bürgern die Angst nehmen und Vertrauen gründen in unsere demokratische Grundordnung, das sollte Ziel eines ehrlichen Handelns im Sinne aller Bürger sein. Münkel schreibt in seinem Buch „Abschied vom Abstieg“: „Angst wird als diffus wahrgenommene Bedrohung beschrieben. Die Bedrohung ist in der Vorstellung der Bürger als etwas Ungewisses, nicht zuordnungsfähiges Etwas beschrieben. Im Gegensatz wird die Furcht an einem greifbaren Ereignis oder Handlungsweise festgemacht. Bei Furcht kann ich gezielte Maßnahmen treffen, um sie zu überwinden.“

Die Möglichkeit des Handelns bringt Vertrauen in unsere Gesellschaft. Wir sind Herr des Handelns. Bei der Angst bleibt es beim Ungewissen vor einem diffusen Ereignis. Der verängstigte Bürger ist ohnmächtig zu handeln. Keiner hilft ihm, er steht alleine da. Er verliert das Vertrauen. Dieses Szenario wird von den Rechtsextremisten virtuos auf ihrer Klaviatur des Hasses gespielt. Nehmen wir ihnen das Instrument weg. Werden wir wieder eine Gesellschaft, die sich auch als Gemeinschaft sieht, um gemeinsam die Zukunft für alle zu gestalten. Dieter Goldschalt, Schwetzingen

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