Leserbrief

Neubaugebiet Fünfvierteläcker Den Widerstand nicht aufgeben und weiter um den Erhalt der Flächen kämpfen empfehlen Gegner / Hört der Bürgermeister nur das, was er will?

Die Nachteile haben die Bürger später selbst zu tragen

Bürgermeister Kappenstein und sein Gemeinderat konnten endlich einen vorläufigen Schlussstrich unter den Bebauungsplan Fünfvierteläcker ziehen: der Satzungsbeschluss wurde nach höflichen Lobreden ohne Kontroversen wie gewohnt einstimmig und ohne Enthaltungen angenommen. Vier Gemeinderäte nahmen an der Abstimmung nicht teil, da sie oder die Verwandtschaft wegen Grundbesitzes im Fünfvierteläcker befangen waren. Darüber hinaus konnten noch zwei weitere Gemeinderäte aus sonstigen Gründen nicht an der Gemeinderatssitzung teilnehmen.

Für die Besucher gab es keinerlei Möglichkeit, auf die vorgetragenen zahlreichen Ungereimtheiten und Mutmaßungen einzugehen, da nach der Gemeindeordnung lediglich am Ende der Gemeinderatssitzung Fragen gestellt werden dürfen. Eine Diskussion ist in diesem Rahmen nicht vorgesehen. Wie die Reden der Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat deutlich zeigten, hatten diese unsere soliden Fakten entweder nicht zur Kenntnis genommen oder schlichtweg ignoriert. Eine Bürgerbeteiligung im Rahmen öffentlicher Informationsveranstaltungen zum Austausch und zur Abwägung der beiderseitigen Argumente hatten Bürgermeister und Gemeinderat im Vorfeld abgelehnt.

Die Gemeindeverwaltung kann bis dato keine validen Zahlen über Nachfrage und Notwendigkeit des überdimensionierten Neubaugebietes vorlegen. In der Gemeinderatssitzung waren wieder die üblichen schwammigen Begriffe wie "viele", "in großer Zahl" zu hören. Leider aber überhaupt nichts Konkretes. Auch wenn der Bürgermeister, wie er sagt, "sein Ohr an der Bevölkerung" hat, kann das niemals als Beweis für die Notwendigkeit eines solchen Mega-Vorhabens gewertet werden. Fakten sehen anders aus!

Um endlich Klarheit zu erhalten, wäre eine Bürgerbefragung notwendig, wie zum Beispiel in Brühl, oder wie dies in vielen anderen Städten und Gemeinden für solche Großprojekte heute üblich ist. Nur so könnte die Bevölkerung im Sinne eines modernen Bürgermanagements an Entscheidungen beteiligt werden und diese dann auch akzeptieren. Natürlich hat die Gemeinde Ketsch das Recht, auch ohne Bürgerbefragung das Neubaugebiet durchzusetzen. Aber ob diese Linie des "Augen zu und durch" heute noch zeitgemäß ist, darf bezweifelt werden.

Leider wollen sich Politiker an Entscheidungen oft nicht mehr erinnern, die sich im Nachhinein als falsch oder utopisch herausstellen oder vom Bürger nicht akzeptiert werden. Die Auswirkungen dieser Fehlentscheidungen werden später alle Bürger zu tragen haben. Die damals Verantwortlichen sind dann häufig nicht mehr im Amt und können nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn die Mehrheit der Bevölkerung nach entsprechender öffentlicher Diskussion und Meinungsfindung hinter einem Vorhaben steht, wären die Bürger auch bereit, die Risiken mitzutragen. Auf diese Weise könnten sich Bürgermeister und Gemeinderat exkulpieren und es wäre Schluss mit der ständigen Polemik und dem Unfrieden in der Gemeinde.

Die Gegner des Neubaugebietes Fünfvierteläcker sind noch immer davon überzeugt, dass diese Umlegung als Baugebiet eine folgenreiche Fehlentscheidung ist, die für die Bürger von Ketsch in vieler Hinsicht spürbare Nachteile und Belastungen bringen wird.

Aus diesem Grund ist es geradezu Bürgerpflicht, dieses wertvolle und schöne Ortsrand-Biotop für alle Bürger zum Zwecke der Naherholung und Kommunikation zu erhalten.

Wie die Vergangenheit zeigt, können auch einstimmig gefasste Beschlüsse bei veränderten Rahmenbedingungen gekippt und dann vergessen werden. Der Bürger denke nur einmal an das Geothermie-Kraftwerk, das in der Gemeinderatssitzung am 10. März 2008 unter bestimmten Bedingungen mit einer Gegenstimme zur Bebauung auf Ketscher Gebiet freigegeben wurde!

Ich halte deshalb - wie viele Bürger und engagierte Gegner dieser Bau-Gigantomanie - einen Sinneswandel um 180 Grad wie bei der Geothermie noch für möglich.

Dr. Jörg-Otto Läppchen, Ketsch

Ketsch wird immer gesichtsloser

Ketsch wird immer hässlicher und gesichtsloser. Das Kino ist zu, neben dem Schützenhaus entsteht ein neuer Aldi-Markt. Man muss kein Mitglied bei den Grünen, beim NABU oder beim Umweltstammtisch sein, um die Entscheidung, die Fünfvierteläcker zu bebauen, nicht gutzuheißen. Anstatt endlich die Trendwende einzuleiten und den Flächenverbrauch herunterzufahren, macht man mit dem gleichen Stiefel weiter wie seit Jahrzehnten - und gedenkt jetzt auch die Gegend bis zur Mannheimer Straße und darüber hinaus zuzubetonieren.

Warum das Interesse der Häuslebauer so weit mehr gewertet wird als das der Allgemeinheit und speziell der Anlieger, die dieses Gebiet zum Radeln, Spazierengehen und Joggen nutzen, kann ich nicht nachvollziehen. Muss man sich beim Neujahrsempfang beim Bürgermeister andienen, um das zu erreichen?

Bei der vom Umweltstammtisch veranstalteten Diskussionsrunde hätte ich mir gerne Klarheit darüber verschafft, aber es war von der Verwaltung keiner da, um mal genau zu erklären, wo die Gegner des Projekts mit ihrem Halbwissen die Leute verunsichern. Stattdessen wird einem die Ausweisung eines neuen Neubaugebiets als der Höhepunkt der Ortsentwicklung verkauft.

Klar, kurzfristig gibt das einen Aufschwung für die Gemeinde. Aber wie geht's weiter in 20 oder 30 Jahren, wenn es mal wirklich viel weniger Leute gibt? Wie wird man dann die jungen Familien nach Ketsch holen, wenn jetzt schon das Tafelsilber verscherbelt wird? Was macht dann die Attraktivität der Gemeinde aus? Vielleicht der quasi nicht vorhandene ÖPNV oder ausgerechnet der Aldi am Ortsrand? Vielleicht sollte man sich in der Verwaltung eher darüber Gedanken machen wie man das Abwandern der Leute in attraktivere Gemeinden verhindern kann, anstatt krampfhaft zu versuchen, neue anzusiedeln.

Ich lese in der SZ, dass es durch die Fünfvierteläcker gerade mal eine "Baugrundbevorratung" von acht Jahren gibt. Mir wird ganz schwummrig, wie das weiter geht. Was ist als nächstes dran? Die Rheininsel? Ketsch? Kaff halt.

Sibylle Schleich, Ketsch

Einstimmig beschlossen?

Warum fällt mir beim einstimmigen Beschluss zum Baugebiet Fünfvierteläcker ein, dass es auch mal einen fast einstimmigen Beschluss im Gemeinderat Ketsch über ein Geothermiekraftwerk gab, das in Ketsch neben der Kläranlage gebaut werden sollte. Nur weil sich die Verhandlungen in die Länge zogen, steht das Kraftwerk heute nicht in Ketsch. Brühl konnte schneller ein Grundstück zur Verfügung stellen, daher steht das Kraftwerk heute auf Brühler Gemarkung.

Erinnere ich mich da richtig? Sagt der Bürgermeister von Ketsch deshalb heute: "Kein Kraftwerk an dieser Stelle!", weil es ihm, wie damals beschlossen, lieber wäre, wenn es in Ketsch gebaut worden wäre? Es war ja am 10. März 2008 fast einstimmig beschlossen!

Bei der Neujahransprache sprach Jürgen Kappenstein sehr ausführlich darüber, warum wir, die Mehrheit der Ketscher und Brühler Bürger, das Kraftwerk heute nicht wollen - und schon gar nicht an dieser Stelle. Er unterstützt heute die Bürgerbewegung gegen Geothermie! Wenn er Bürgerbeteiligung fördert, warum ist er dann so ärgerlich, wenn in der Gemeinde, in der er der "Chef" ist, sich eine Bürgergruppe beteiligt? Wenn man wissen will, wie die Bürger denken, führt man eine Bürgerbefragung durch. Brühl hat das getan!

Der Bürgermeister von Ketsch macht keine Bürgerbefragung, denn er hat, wie er sagt, das Ohr an der Bevölkerung. In Ketsch, so sagt das "Ohr" an der Bevölkerung: "Die Gruppe der Gegner des Baugebiets sind nur ein paar wenige!" Ist das so? Herr Wirth von der Schwetzinger Zeitung schreibt: "Jene Bürger die dieses Neubaugebiet befürworten - und das sind die meisten!" - Woher weiß der das? Sind das wirklich die meisten?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die meisten Bürger dieser Gemeinde bereit sind, für Spekulanten im Neubaugebiet zu zahlen. Alle, die heute eine Immobilie haben und sie irgendwann verkaufen wollen, zum Beispiel weil sie zu groß geworden ist, zahlen die Zeche. Warum? Weil sie bei einem Überangebot an Immobilien diese nur zu einem schlechten Preis verkaufen können. Wollen die Bürger von Ketsch tatsächlich, wie das "Ohr" sagt, die Zeche bezahlen?

Hört das "Ohr" nur das, was es hören will? Ein anderes Beispiel: Ich habe bereits 2010 in einem Leserbrief öffentlich bekanntgemacht, dass es in diesem Bereich ein Überwinterungsgebiet für Amphibien aus dem Naturschutzgebiet Rheininsel (Natura 2000 Gebiet) gibt. Die Kröten wanderten schon bevor es die Straße gab vom Altrhein in dieses Gebiet. Ich habe die Kröten in den 80er Jahren persönlich von einer Straßenseite zur anderen getragen. Deutlicher und lauter als über einen Leserbrief kann man das doch nicht bekanntmachen, und trotzdem wurde es ignoriert.

Es gibt keine Umweltverträglichkeitsprüfung, das wurde nicht gemacht - daher braucht man die Tiere aus dem Natura 2000 Gebiet nicht zu berücksichtigen! Man findet und hört eben nur das, was man will? - auch in Ketsch

Günther Martin, Ketsch

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