Leserbrief

Bespitzelung Kindergartenbroschüre und AfD-Portal in einem Boot / Nur Robert Habeck regt derzeit zum Nachdenken an

Die Suche nach dem Göttlichen in uns

Familienministerin Giffey (SPD) hat nicht nur ein lobendes Vorwort zu einer bundesweit angebotenen Kita-Fibel verfasst, sondern diese wurde auch mit Steuergeldern gefördert. „Ene, mene, muh und draus bist Du!“ So lautet diese Broschüre, mit der Erzieherinnen anhand von absurden Fallbeispielen die Kinder von „Nazi-Eltern“ erkennen sollen. Äußerlichkeiten wie Haarzöpfe bei Mädchen oder große Fitness bei Jungen werden da unter anderem genannt.

Im Grunde werden Erzieherinnen also zur Elternspionage animiert. Wie schräg ist das denn? Aber auch die politische Gegenseite ist da nicht weniger munter. Da gibt es beispielsweise von der AfD ein Meldeportal gegen unliebsame, zu AfD-kritische Lehrer. Was folgt als nächstes? Ein Meldeportal gegen (unliebsame) Gemeindebedienstete, Polizisten, Juristen oder Politiker sowie die Einführung eines Blockwarts im Wohnviertel?

Nicht nur diese AfD-Aktion oder die abstruse Kita-Broschüre erinnert an Orwells „Wahrheitsministerium“, sondern viele Skurrilitäten mehr, die sich seit geraumer Zeit bei uns abspielen! Denunzierung und Diffamierung geben sich immer öfter die Klinke in die Hand. Methoden wie zu DDR-Zeiten und vor allem das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte lässt grüßen. Auch dieses begann schleichend und war nicht mehr aufzuhalten, als mit der Präzision eines Uhrwerkes die grauenvollste Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie der Menschheitsgeschichte ihren Lauf nahm.

Wir leben in verrückten Zeiten in einem zutiefst gespaltenen Land, eingebettet in eine bizarre Welt und die Erkenntnis, dass alles mit allem verbunden ist und nur ein grenzübergreifendes Denken und Handeln hilft, damit wir unsere Erde vor dem Schlimmsten bewahren.

Nur was nützt das, wenn die Verantwortlichen weiterhin nach dem Motto „nach uns die Sintflut“ handeln können, weil sich die Politik zu sehr um sich selbst dreht. Apropos: Bei dem ganzen Hype, der da gerade um Merkels Nachfolge stattfindet, könnte man glatt meinen, die heiligen drei Könige ziehen durch das Land. Bei aller Kritik an Merkel – und mir fällt dazu einiges ein – der große Wurf sind alle drei nicht.

Die einzige Persönlichkeit, die sich von dem ganzen politischen Affenzirkus aktuell wirklich positiv abhebt, ist Robert Habeck von den Grünen. Statt wie die meisten vorgestanzte Floskeln abzuschießen, bringt er viele Menschen mit seinen wohldurchdachten Ausführungen zum Nachdenken und Innehalten.

Innehalten – also das Wunder im Kleinen finden – wie SZ-Redakteur Ralf Strauch in seiner Adventskalender-Kolumne so schön mit Kindheitsträumen und unbefangenen Erwachsenenwünschen das eigentliche Geheimnis der Weihnacht beschrieb. Oder wie es Seneca – ein Zeitgenosse von Jesus formulierte: „Aller Besitz ist nur Lehen – allein die Zeit ist unser.“

Denn viele verwechseln die Suche nach dem heiligen Gral mit der Jagd nach einem unschätzbaren goldenen Kelch und übersehen dabei, dass damit eigentlich die Suche nach dem Göttlichen in uns selbst gemeint ist.

Herbert Semsch, Brühl

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