Leserbrief

Corona-Bonds Hilfe für uns und hart betroffene Nachbarn

Ein Notopfer Corona

Wie ein Unwetter brach die Corona-Pandemie über Europa herein. Die meisten Staaten zögerten, reagierten dann panisch, schränkten die Bewegungsfreiheit ihrer Bürger ein und schotteten sich voneinander ab. Um die materiellen Schäden zu bekämpfen, wurden Kredite aufgenommen. Die deutsche Regierung verkündete vollmundig, sie könne dank ihrer Sparpolitik gefahrlos Schulden in Billionenhöhe machen.

An der Rettungsaktion beteiligten sich auch die Europäische Zentralbank und die Europäische Union. Hinzu kam, dass einige schwächere Mitglieder die stärkeren baten, für gemeinsame Anleihen (Bonds) zu bürgen. Die aber lehnten ab.

Diese Hartherzigkeit stand im Widerspruch zu den Gefühlen, die Anfang Mai Europa bewegten. 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation, richtete Bundespräsident Walter Steinmeier einen tiefen Blick in das Seelenleben seines Volkes: „Deutschland war militärisch besiegt, politisch und wirtschaftlich am Boden, moralisch zerrüttet – wir hatten uns die ganze Welt zum Feind gemacht.“ Das wecke Scham und Trauer, aber auch Freude und Dankbarkeit. Bei diesem doppelten Blick in die Vergangenheit und die Zukunft durfte sich das deutsche Staatsoberhaupt mit der „Queen“ einig fühlen. Sie hatte, zwei Tage zuvor in ihrer Rede zum Kriegsende die Tapferkeit und die Leistung der Briten hervorgehoben, sich zugleich aber auch gefreut, dass einstige Gegner zu Freunden geworden sind.

Europa hätte rundum glücklich und für die Krise gewappnet sein können. Deutschland auch. Es exportiert in keine andere Zone der Erde mehr Güter als in die EU und gilt als Vorbild. Der Lebensstandard stieg überall, stärker als der Wert der Dienstleistungen und der erzeugten Güter (Bruttoinlandsprodukt, BIP). Zum Ausgleich nahm man Schulden auf. Und die wuchsen, besonders in Griechenland. Das löste 2008 eine Währungskrise aus. Sie wurde zwar überwunden, aber mit neuen Krediten, die in der Folgezeit hätten abgebaut werden müssen. Bis 2018 gelang das von den vier größten EU-Mitgliedsstaaten nur Deutschland.

Italiens Schulden erreichten 135 Prozent. Frankreich und Spaniens blieben bei knapp 100 Prozent stecken. Mit dieser Situation kann kein EU-Bürger zufrieden sein. Besonders wir Deutsche haben gute Gründe, Mitverantwortung für Nachbarn und Freunde zu übernehmen. Denken wir nur an deren Starthilfe nach 1945. Auch die Grundsätze der EU verlangen gegenseitigen Beistand in Krisenzeiten. „Deutschland wird es nur gut gehen, wenn es Europa gut geht“, erklärte Bundeskanzlerin Merkel. Und die überwiegende Mehrheit ihr Mitbürger stimmt ihr zu. Und schließlich sind die drei Antragsteller mit 83 000 Toten die Hauptbetroffenen der Pandemie, weshalb sie die Anleihen nun Corona-Bonds nennen.

Es gibt eine Lösung! Deutschland hat sie nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt: das „Notopfer Berlin“, Zwei-Pfennig-Marken, die auf alle Briefe und Postkarten geklebt wurden. Sie haben in zehn Jahren über 400 Millionen Mark erbracht, in Kaufkraft umgerechnet: eine Milliarde Euro. Bei einer 10-Cent-Marke wäre die Belastung nicht höher als in der Nachkriegszeit, alle EU-Bürger würden die Last mittragen.

Helmut Mehrer, Brühl

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