Leserbrief

Lernen zu Hause Die Grenzen der Zumutbarkeit sind längst überschritten

Eltern sind weder Lehrer noch Kumpels

Homeschooling ist verboten! War da nicht was? Denn es herrscht bei uns Schulpflicht und wer dieser nicht nachkommt, steht einem Bußgeldverfahren gegenüber. Der Frage, warum und weshalb ein Kind nicht am Unterricht teilnimmt, nimmt sich fast keiner an. Scheinbar hat das Kapital Vorrang. Wer schützt das Kind nun? Urplötzlich werden Gesetze geändert? Ich möchte mich daher heute zu Wort melden und hoffe, einigen Familien damit eine Stütze geben zu können, denn wir werden völlig alleine gelassen.

Lange habe ich überlegt, wie ich die passenden Wort finde, denn auch ich bin am Ende und ganz ehrlich – was alles so toll begann, mit viel nach draußen gehen, die Welt erforschen, experimentieren, mit wenig Geld kochen oder wie zu Omas Zeiten leben. Es fällt mir – ehrlich gesagt – immer weniger ein.

Versuche wie im Chemieunterricht – das lasse ich lieber, denn weder sind wir dafür ausgestattet, noch würde hinterher jemand zum renovieren kommen. Aber vielleicht kann man ja dann die Kosten mit dem Kindergeldbonus von 300 Euro abdecken. Ach so, nein, halt – die waren ja fürs Essen geplant, wenn ich es richtig verstanden habe.

Ich bin kein Ersatz für einen Freundeskreis oder den Verein, denn dort kann man seine Interessen austauschen und auch mal über was streiten. Ich bin ein Zuhörer und jemand, der das Gefühl gibt „Hallo – ich bin da“. Kinder brauchen andere Kinder zum Spielen, um zu streiten oder um zu trösten. Das hat man uns doch ständig in Elterngesprächen mitgegeben, wenn man einbestellt wurde. Die Worte „Lassen Sie Ihr Kind los, es muss sich alleine entwickeln“ sind mir in Erinnerung.

Aber nun sind wir gefragt, nicht nur als Eltern, sondern auch als Hilfslehrer und Kumpel. Also macht man hier gerade die Schulpflicht zur Elternpflicht. Am Anfang gingen unsere Schützlinge noch motiviert an die Sache ran, obwohl es auch schon ständig das Thema gab: „Kind es sind keine Corona-Ferien.“

Schnell kam die Null-Bock-Phase, frustrierte Kinder, gestresste Eltern und Geschwister. Kinder, die gerade dabei sind, ihr eigenes Leben mit der Ausbildung auf die Reihe zu bringen, die Ruhe benötigen, bringen noch mehr Druck in die Familien, die eh schon belastet sind. Mit wem man auch spricht, über das so tolle Homeoffice, die Mehrheit beklagt sich – darunter auch ich. Ich kann kein Homeoffice machen, seit 19 Jahren bin ich in der Pflege tätig und nebenbei betreue ich noch Menschen in der Nachbarschaftshilfe. Also von Homeoffice kann hier keine Rede sein – oder soll ich die Kranken und einsamen Menschen zu mir nach Hause holen? Sie dürfen ruhig schmunzeln, wenn Sie die Zeitung jetzt als Schutz vor Mund und Nase halten, sieht es ja niemand.

Schulen, die mit der Digitalisierung schon weit voraus waren, können dies gegebenenfalls besser bewerkstelligen, denn die wissen, beim digitalen Lernen sind vor allem die Lehrer gefordert. Der Kontakt ist das Wichtigste, da reicht eine E-Mail nicht, mit unsortierten und unüberlegten Blättern, die nicht beantwortet werden können.

Das hat nichts mit Homeschooling zu tun – so meine persönliche Meinung. Kinder brauchen das Gefühl, da ist jemand, der will wissen, wie es mir geht, der mir das Gefühl gibt, mich gibt es. Natürlich gibt es bestimmt Meinungen, das eigene Kind sei gut versorgt. Das mag alles sein, doch die Mehrheit wird mir das bestätigen können. Oft fehlt ihnen der Mumm, offen zu reden, doch der ständige Nachsatz „Wir können es nicht ändern“, lässt die Augen auf den Boden sinken und meist sieht man eine Träne der Verzweiflung. Ich rede weiter mit Menschen – mit und ohne Mundschutz, denn auch über die Augen kann man Leid und Sorgen erkennen.

Können wir nicht oder wollen wir nicht? Bereits unsere Kinder sind so voller Ängste, da sie nicht die Schuldigen sein wollen, dass jemand wegen ihnen stirbt? Denn soweit haben wir sie gebracht. Beschämend und unverantwortlich, finde ich.

Wie sollen wir unseren Kindern erklären, die Profifußballer dürfen spielen, ach so, ja, an denen verdient man ja. Die Lufthansa darf fliegen.

Weiteres erspare ich mir, das waren nur Beispiele. Kinder, die ihr Ehrenamt vermissen, dem sie bisher treue Dienste geleistet haben, sei es bei den Maltesern, der Jugendfeuerwehr oder anderswo. Wir können so stolz sein und sorgen gerade dafür, dass die Kids merken, ich werde wohl doch nicht gebraucht.

Kinder, die sich Sorgen machen, Freundschaften zu verlieren durch diese Veränderungen, an die denkt man nicht. Aber dass die Großen über ihre Kapitalverluste klagen, da wird zugehört und gleich Hilfe angeboten.

Sind unsere Kinder, die unter unserem Herzen gewachsen sind, nichts wert? In diesen Kindern fließt doch unser Blut durch die Adern, ein wunderschöner Songtext eines vor kurzem verstorbenen Musikers lautet so: „Ich bete und ich hoffe, dass das Segel sich wendet, bevor sich unsere Regierung noch mehr vertieft.“ Auch für die Politiker, die in ihren Reden stets Bildung und Kinder in ihrem Programm haben, wünsche ich mir: Mögen sie Stärke zeigen und für uns da sein.

Jetzt stimmt es, auch wenn ich kein Greta-Fan bin: „Ihr klaut uns unsere Kindheit“.

Sabine Englert, Schwetzingen

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