Leserbrief

Vertreibung Gedanken an die „schlechte Zeit“ nach dem Krieg

Erinnerungen werden wach!

I m Oktober 1945 mussten wir, durch einen Tschechen vertrieben, unser Haus für immer verlassen. Wir wohnten im Sudetenland – zwischen Pilsen und Karlsbad. Im August 1946 ging unser Transport. Innerhalb von zwei Stunden mussten wir fertig sein. 30 Personen wurden in einen Viehwaggon ohne Essen, Toilette und Fenster verladen – als Toilette diente ein großer Wäschetopf mit Deckel für 30 Personen. Unten war das Gepäck und wir lagen obendrauf. 60 Kilo pro Person durften wir mitnehmen. Geschirr, Betten, Kleidung – was uns der Tscheche erlaubt hatte, aus unserem Haus mitzunehmen. Wir hatten Glück, manche mussten mit nur einer Handtasche gehen.

Der Zug rollte und rollte. Wir landeten unglücklicherweise in der damaligen russischen Zone, später Ostzone, dann DDR. Dort kamen wir ins Lager. Es war mittlerweile Oktober, bekamen ein Zimmer, 16 Quadratmeter groß für vier Personen. Drei Generationen lebten hier ohne Licht, ohne Ofen, ohne Möbel.

Es war ein kalter Winter, bis minus 16 Grad waren an der Tagesordnung und Eisblumen blühten an den Fensterscheiben. An der dunklen Tapete glänzte der Reif. Es gab sehr wenig zu essen, jeden Abend gingen wir hungrig ins Bett. Meine Mutter ging mal auf den Schwarzmarkt, dort gab es alles. Sie kaufte ein Vierpfünder-Brot, das 60 Reichsmark (RM) kostete. Meine Großmutter hatte 48 RM Rente im Monat! Im Winter 1946 hatten wir von Januar bis Juli keine Kartoffeln, auf Kartoffelmarken gab es nur gefrorene rote Beete und Sellerie aus der Miete. Das Zeug ist aufgetaut und wieder gefroren, da es draußen gelagert wurde. Damals gab es noch weder Kühlschrank noch Gefriertruhe. Dieses Gemüse bekamen wir auf Kartoffelmarken, Dreck lief durch die Tasche. Daraus wurde Eintopf gekocht. Es hat gestunken, aber wir haben es gegessen, da wir Hunger hatten.

Am zweiten Tag sagte ich zu meiner Mutter: „Mama – und wenn ich verhungere, ich kann es nicht mehr essen.“ Wir wurden alle krank.

In unserer Stadt gab es einen Pferdemetzger; ab und zu gab es mal Pferdefleisch, wenn ein Pferd wegen einer Verletzung geschlachtet werden musste. Um 5 Uhr ging meine Mutter los und hat sich angestellt, um 8 Uhr wurde der Laden aufgemacht. Oft gab es nichts oder es war ausverkauft, bis sie an der Reihe war.

Diese Gedanken kommen mir heute in den Sinn, wenn ich einkaufen gehe und vor dem Laden stehe, warten muss, bis jemand herauskommt und der nächste hinein darf. Manches gibt es nicht, Regale sind leer, zum Beispiel bei Toilettenpapier. Aber wir können zufrieden sein. Wir haben jeden Tag etwas zu essen!

Hauptsache, es kommt kein Krieg mehr und die Krankheit breitet sich nicht weiter aus.

Emma Form, Brühl

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