Leserbrief

Blick in die Historie Mahnungen aus der finstersten Zeit des 20. Jahrhunderts – die „Vernichtung der europäischen Juden“

Es gab ein Alarmsignal

Vielleicht werden wir dereinst erfahren, wie viele bedeutende Wissenschaftler Deutschland und die Welt durch den Holocaust verloren haben. Zum Beispiel als Kinder, die mit ihren Eltern ermordet wurden. Umso erfreulicher ist, dass einige gerettet wurden. Etwa der 1933 in München geborene Arno Penzias, Physik-Nobelpreisträger 1978, oder der Historiker Raul Hilberg. Er hat sein Leben der Erforschung des Holocaust gewidmet und gibt uns seine Einsichten weiter.

Geboren wurde Hilberg 1926 in Wien. Durch die Besetzung Österreichs im Jahr 1938 wurde seine Heimat zwar deutsch, die Juden aber nicht. 1939 gelang es seiner Familie gerade noch, Kuba zu erreichen. Kurz danach wurde das Schiff „St. Louis“ abgewiesen und kehrte nach Europa zurück. Einige ihrer Passagiere starben in den Konzentrationslagern der Nazis. Ohne Zweifel erfuhr der heranwachsende Raul von Hitlers Verbrechen. Sie bestimmten die Wahl seines Studienfachs, das Thema seiner Dissertation und seine Lebensarbeit. Von Auflage zu Auflage wuchs ihr Umfang. Die letzte, ein dreibändiges Fischer-Taschenbuch von 2017 umfasst mehr als 1300 Seiten. Nach der Wahl vom 5. März 1933 und einer beispiellosen Werbekampagne fühlte sich Hitler am 1. April stark genug, für einen antijüdischen Boykotttag. Da große Proteste ausblieben, ging er sofort einen Schritt weiter und entfernte die Juden aus dem Staatsdienst. Beamte des Innenministeriums widersprachen zunächst. Die Religion sei frei und folglich kein Entlassungsgrund. Sie waren aber hilfsbereit und schufen den Tatbestand „arisch“, der sich nach der Religionszugehörigkeit der Großeltern richtete, also nicht nach dem Glauben. Damit ließen sich – absurd, aber gerichtsfest – „Voll-, Halb- und Vierteljuden“ definieren und unterschiedlichen Regelungen unterwerfen. So ging es weiter bis 1945. Noch drei Wochen vor Hitlers Selbstmord spürten motorisierte Strafkammern Hitlergegner auf wie Dittrich Bonhoeffer und fanden Paragrafen, um sie zum Tod zu verurteilen.

Einsatzkommandos sollten direkt hinter der Front Juden und Kommissäre der Sowjetarmee erschießen. Als Kommandeure waren auch Akademiker aus der SS vorgesehen. Ihnen versprach man eine wichtige Aufgabe und rasche Beförderung. Als bei ihrer ersten Versammlung einer ahnte, was auf ihn zukommen würde, und fragte: „Muss ich Juden erschießen“, folgte nach einer kurzen Pause ein knallhartes „Ja“. Er blieb still – die anderen ebenfalls. Alle haben eigenhändig Juden getötet. In mehrfach vierstelligen Zahlen. Sogar ein Pfarrer war dabei, den seine Kirche für die SS freigestellt hatte.

Wer diese Grausamkeiten überlebte, war für sein Leben belastet. Ein polnischer Gefangener beschrieb sie in seinen Erinnerungen. Der davon ergriffene Leser fragte sich, wie man mit solchen Erlebnissen weiterleben konnte. Der Autor schaffte es nicht. Er nahm sich 1952 das Leben.

Selbst die Mörder litten. Ein SS-General warf Himmler vor, in den Kommandos würden Rohlinge und Nervenkranke herangezüchtet. Himmler gab ihm recht, sprach von einer „widerlichen Pflicht“, ließ die Soldaten mit Schnaps zum Alkoholismus verführen und riet, die Juden für den Krieg verantwortlich zu machen. Sie hätten ihn herbeigeführt. Das war die Sprache der Endzeit. Goebbels und Hitler belogen und betrogen das deutsche Volk, nur um ihr Regime noch ein wenig zu verlängern.

Antisemitismus und Nationalismus waren ohne Frage die emotionalen Antriebe Hitlers. Sie entstehen wieder. Weil sich Regierungspräsident Walter Lübcke für Flüchtlinge eingesetzt hatte, wurde er erst in den „sozialen Medien“ bedroht und dann auf seiner Terrasse ermordet. Eine ganze Serie von Morden verübte der NSU. Möglicherweise hatte sie Vorbilder. Am Beginn der Weimarer Republik fielen zwei große Politiker rechten Attentaten zum Opfer: Matthias Erzberger und Walter Rathenau. Sie hatten sich für die Annahme des Versailler Vertrags ausgesprochen.

Die Welt heute braucht jedoch das Gegenteil: Sie braucht Weltoffenheit, zukunftsorientierte Menschen, die über ihre Staaten hinausschauen, Verantwortung übernehmen und arme Völker unterstützen. Wenn sich die Menschheit nicht auslöschen will, kann sie sich engstirnige Nationalisten nicht mehr leisten.

Die armen Kontinente erwachen, wollen sich entwickeln und dabei das Klima schützen. Das setzt Frieden und Zusammenarbeit voraus – so wie in Integrationskreisen für Flüchtlinge, Eltern, Kinder oder Alleinstehende. Sie nehmen die Lehren der Vergangenheit ernst und sind Wegbereiter eines neuen Zusammenlebens.

Helmut Mehrer, Brühl

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