Leserbrief

Pflegekräftemangel Das Ministertrio Giffey, Spahn und Heil ist jetzt seit einem Jahr zu Gange, aber passiert ist in Wirklichkeit nicht viel

Es gibt noch große Probleme

Mantramäßig tönt das GroKo-Team: „Wir brauchen mehr Pflegekräfte, eine bessere Bezahlung und eine bessere Ausbildung!“ Ja, ist das denn so neu? Wer erinnert sich eigentlich noch an Philipp Rösler, der 2011 zum „Jahr der Pflege“ ausgerufen hatte? Alles verpufft!

Auch jetzt wird wieder das Elementarste nicht begriffen. In den letzten 20 Jahren ging nämlich der Anteil der Vollzeitkräfte in der stationären Pflege um nahezu die Hälfte zurück, weil die Heime über Gebühr viele Teilzeitstellen anbieten, in der Annahme, bei Ausfällen so die Arbeit besser verteilen zu können. Nicht wenige Fachkräfte müssen sich deshalb irgendeinen Zweitjob suchen.

Auch viele Pflegekräfte suchen keine Vollzeitstelle – wegen der zu hohen Arbeitsbelastung. Würde also das vorhandene Arbeitszeitpotenzial ausgeschöpft, so wären die angepeilten 13 000 Pflegestellen ohne Weiteres zu besetzen. Durch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, etwa über verlässliche Dienstpläne, monatlich zwei garantiert freie Wochenenden, gesundheitlich zuträgliche Arbeit auch für Ältere, Gesundheitszirkel, in denen Probleme offen angesprochen werden können und den Beschäftigten auch Entwicklungsmöglichkeiten geboten werden, würde sich auch die Verweildauer im Beruf erhöhen.

Es genügt eben nicht, nur Kräfte zu gewinnen, sondern sie müssen auch gehalten werden! Die generalistische Ausbildung, wo unsinnigerweise drei bisher eigenständige Berufe zusammengefasst werden, wird die Personalsituation in den Heimen wahrscheinlich gar verschlechtern.

Profund ausgebildete Pflegekräfte werden sich dorthin orientieren, wo Bezahlung und Arbeitsbedingungen besser sind, statt sich mit immer mehr Dementen und Hochbetagten zu beschäftigen. Bisher konnte etwa eine Hauptschülerin bis zum 50. Lebensjahr Altenpflegerin werden. Nur Empathie und gesundheitliche Stabilität waren dafür erforderlich. Nun soll sich eine spätere Fachkraft in der Altenpflege in der Ausbildung mit Frühchen beschäftigen.

Unbestritten gehört zur Wertschätzung eine bessere Entlohnung. Das sympathische ministerielle Pflegetrio kann aber nicht garantieren, dass dies nicht auch zu Lasten der Heimbewohner geht. Beschlüsse des Bundestages und des Bundesrates gibt es hierzu – noch – nicht.

Die Situation in der Pflege wird noch wesentlich dramatischer. Obwohl die Pflegeversicherung mit ihrem „Geburtsfehler“, dem Teilkostenprinzip, immer mehr Menschen im Alter zu Sozialhilfeempfängern und zu „Kostgängern“ ihrer Angehörigen macht, ist ein Paradigmenwechsel nicht in Sicht. Zu einer Umwandlung in eine – zum Teil auch steuerfinanzierte – Vollversicherung wie bei der Krankenver-sicherung, besteht weiterhin keine Bereitschaft. Und wenn man die bundesweite tägliche Folter in vielen Heimen mit ihren Doppelzimmern beseitigen wollte, wären gut und gerne 150 000 zusätzliche Pflegebetten erforderlich (in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg gibt es ja zum Beispiel schon Einzelzimmervorgaben). Doch dies müssten die privaten Heimbetreiber finanzieren, denn die Kommunen errichten praktisch überhaupt keine Pflegeheime mehr.

In den nächsten Jahren kommen verstärkt Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen auf die Heime zu. Heime, die weder personell noch baulich darauf vorbereitet sind. Und alle Baumaßnahmen erhöhen wiederum die Investitionskosten, die den Pflegebedürftigen in Rechnung gestellt werden. Die so oft zitierte Inklusion bleibt auf der Strecke. Wo sind Heime für Jüngere, zum Beispiel für MS-Kranke? Auch die Babyboomer kommen verstärkt auf die Heime zu. Und Muslime, bei denen es nicht nur mit entsprechender Kost und einem Gebetsraum getan ist.

Folter ist, wenn in einem „klassischen Heim“ Demente, Depressive, Hochbetagte und gar psychisch Kranke zusammen wohnen müssen. Ist es eigentlich verwunderlich, dass unnötigerweise Magensonden gelegt werden und Bewohner gewindelt werden, weil das nötige Personal fehlt und diese Prozeduren gar zynisch als „pflegeerleichternde Maßnahmen“ in der Dokumentation stehen?

Natürlich beeinflusst die personelle Überlastung auch die Sterbewahrscheinlichkeit. Wo sind die Programme gegen diese tägliche Folter? Und wie sieht es mit der Gewaltprävention aus, Gewalt, die auch von Bewohnern ausgehen kann? Und wie steht es um die sexuelle Selbstbestimmung in Heimen? Warum gibt es keine Schmerztherapeuten, die sich um die Heimbewohner kümmern? Warum kommt kaum ein Geriater in ein Heim, der auch Krankenhauseinweisungen minimieren könnte?

Obwohl alle Welt weiß, dass gut 80 Prozent der Heimbewohner einen Vitamin-D3-Mangel aufweist , werden diese Werte nur sporadisch erhoben . Dabei ist eine Substitution sehr kostengünstig. Stattdessen werden die Bewohner mit Medikamenten vollgestopft und vielfach auch durch die chemische Keule fixiert – ohne richterliches Plazet, wie bei der tatsächlich sichtbaren Fixierung.

Auch auf die Sarkopenie, den altersbedingten Verlust von Muskelmasse, Muskelkraft und -funktion, wird nicht ausreichend geachtet. Vieles wäre von Heute auf Morgen zu verbessern – ohne Proteste von irgendeiner Seite. So etwa eine vorgezogene Altersgrenze in der Rente für Pflegekräfte.

Um bei der Heimsuche wenigstens minimale Standards zu deklarieren, sollten Bezeichnungen, wie etwa Residenz künftig auch an bestimmte Qualitätsstandards gekoppelt werden.

Auf Medikamente sollte, wie in allen anderen EU-Staaten auch, künftig nur noch der ermäßigte Mehrwertsteuersatz erhoben werden. Und wie wär’s, wenn die Kanzlerin endlich die Pflege zur Chefsache erklären würde?

Wolfgang Schneider, Altrip

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