Leserbrief

Corona-Krise Teilweise unterirdische Streitkultur macht einem zu schaffen / Andersdenkende nicht gleich verunglimpfen

Es ist manchmal wie im falschen Film

Als ich mir vor ein paar Wochen „die Pest“ holte, dachte ich, ich bin im falschen Film. Natürlich holte ich mir nur im übertragenen Sinne „die Pest“ und zwar die von Albert Camus, welche ich mir in der Buchhandlung meines Vertrauens, nämlich der Bücherinsel in Brühl am Lindenplatz bestellt hatte.

Der Straßenverkauf der Gelateria daneben hatte erst seit ein paar Tagen offen. Viele genossen nach Herzenslust ihr Eis aus Bella Italia, als ein sichtlich erregter Zeitgenosse wild gestikulierend mit Vollmaske aus seinem SUV stieg: „Ihr gehört alle angezeigt“ – deutete er in die Menge.

Vermutlich spielte er auf die Meldung an, dass andernorts ein Ehepaar 400 Euro Strafe zahlen musste, weil sie beim ersten Eis lecken noch keine 50 Meter von der Eisdiele entfernt waren. Saftige Strafzettel gab es auch für das Ausruhen oder Lesen eines Buches auf einer Parkbank oder weil eine Mutter sich mit ihren Kindern auf eine Wiese setzte und ihnen was zu trinken gab.

Dass 50 Meter weiter ein Kiosk Curry-Würste und Getränke verkaufte, war in Ordnung. Die Liste an Corona-Kuriositäten wäre endlos fortzuführen, bis hin zu den traurigen Meldungen, dass vereinzelt Menschen in Heimen über Wochen quasi in „Einzelhaft“ waren, obwohl kein Fall von Covid-19 dort akut war.

Oder das Schicksal einer knapp 80-jährigen Frau aus Heidelberg, die immer wieder angegangen, bedroht und auch mal mit Stöcken traktiert wurde, weil sie im ÖPNV oder beim Einkaufen keine Maske trägt. Sie hat dafür ein Attest, dass sie dies wegen ihres Asthmas nicht muss.

Wenn ich unsere Kanzlerin richtig verstanden habe, forderte sie im ZDF, dass auch nach der aktuellen Pandemie – also selbst, wenn die Infektionszahlen weiter gegen Null gehen, die Maskenpflicht bleiben soll. Das sind dann die Momente, wo ich mich frage, ob diese Dame nicht dringend ärztlichen Rat benötigt.

In Freibädern gibt es strengste Regulierung von oben herab verordnet, die am Ende Bürgermeister und Gemeinderat – nach dem Motto „den Letzten beißen die Hunde“– ausbaden müssen: Der Zutritt ist streng reglementiert, Reservierungen, Eintritt per App und Internet und trotz Chlorwasser nur eine kleine Menge an Schwimmern – sogar Umkleidekabinen und Duschen sind nicht überall erlaubt.

Außerdem ist da noch die Fürsorgepflicht des Bürgermeisters und Gemeinderates für das Bade- und Aufsichtspersonal (DLRG): Was tun bei einem Badeunfall? Die letzte kontaktfreie „Wiederbelebung“ war meines Wissens vor 2000 Jahren bei Lazarus.

Die viel propagierte zweite Welle hängt wie ein Damoklesschwert über unserer Republik. Nicht zuletzt durch Panikverbreiter wie Karl Lauterbach. Dieser optisch daherkommende „Student aus Alt-Heidelberg“ war noch Mitte 2019 vom Vorschlag der Bertelsmann-Stiftung, knapp die Hälfte der Krankenhäuser in Deutschland zu schließen, entzückt. Gott sei Dank hat man diese Schnapsidee nicht umgesetzt.

Hatten wir überhaupt eine echte erste Welle? Der Blick nach Italien, die sprichwörtliche „German Angst“ und die sehr frühe selbst auferlegte öffentliche Abstinenz vieler vernünftiger Bürger und eine gehörige Portion Glück haben Schlimmeres verhindert! Denn Tage vor dem „Lockdown“ im März, also Wochen vor der Maskenpflicht, war die R-Zahl unter eins. Nur ist das RKI damit erst nach Wochen herausgerückt.

Der teilweise bizarre Lockdown, der Gerichte beschäftigen wird, die manchmal in keiner Relation stehenden Lockerungen – wie aktuell volle Flugzeuge nach Mallorca einerseits und das Beharren auf massive Einschränkungen anderseits – zum Beispiel im Bereich der Kunst und Kultur, verwundert doch. Gerade im Beethoven-Jahr. Für mich nicht nur der größte Musiker und Komponist, sondern auch ein Freidenker – eine aussterbende Spezies. „Alle Zivilisation ist nichts, wenn sie nicht in Kultur mündet“, sinnierte Olaf Scholz, damals Oberbürgermeister in Hamburg und heute Bundesfinanzminister bei Eröffnung der Elbphilharmonie.

Genau diese Kultur kämpft heftig ums Überleben. Und das nicht nur wegen der (wirtschaftlich) oft leeren Versprechungen. Sondern im wahrsten Sinn. Und zwar dann, wenn es soweit kommt, dass Menschen in ihrer Verzweiflung, beispielsweise ein begnadeter Musiker, ihrem Leben ein Ende setzen.

Corona macht uns nicht zu besseren Menschen, wie manche philosophieren. Das ist genauso abstrus, wie wenn man Covid-19 mit der Pest, der saisonalen Grippe – oder Bill Gates mit der psychopathischen Romanfigur „Bertrand Zobrist“ aus Browns Roman „Inferno“ gleichsetzt.

Im Januar hat man Menschen, die auf das Corona-Problem hingewiesen haben, als Verschwörer und Schwarzmaler tituliert. Und nun, wenn sie nur ansatzweise gewisse Corona-Verordnungen hinterfragen, wünscht man ihnen die Pest an den Hals oder sie werden mit Patientenverfügungen beglückt und aufs Übelste als Verschwörer beschimpft.

Wenn auch noch der Virologe Streeck bei Maybrit Illner sich nicht mehr traut, seine nicht Merkel konforme Einschätzung öffentlich kundzutun, spricht das Bände „Die heißesten Orte der Hölle sind reserviert für jene, die in Zeiten von moralischen Krisen nicht Partei ergreifen.“ Dieser alte Spruch aus Dantes „Göttlicher Komödie“ ist eben aktueller denn je.

Herbert Semsch, Brühl

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