Leserbrief

Corona-Krise Vieles ist plötzlich möglich – warum kein Umdenken bei der Lastenverteilung?

Euro-System wie ein wackeliges Kartenhaus

Mauerfall, Nine Eleven (9/11), Finanzkrach, Corona – niemand konnte all das vorhersehen. Das Leben bleibt überraschend und gerät in seinem Verlauf so manches Mal aus den Fugen. Immerhin enthalten sich zurzeit unsere routinierten Moralprediger in den Leserbriefspalten ihrer wöchentlichen gesinnungsethischen Lektionen, warum die Welt am deutschen Wesen und auf deutschem Boden zu retten sei.

Der große Verlierer der aktuellen Gesundheits- und Wirtschaftskrise ist das Wort „unmöglich“. Vieles geht plötzlich, was vorher nicht ging. Man kann auch Grenzen dichtmachen, falls man will und es für nötig hält, unmöglich ist es nicht. Es ist auch möglich, löbliche Grundsätze des Bundeshaushalts, keine neuen Schulden zu machen, bevor die alten nicht getilgt sind, über Bord zu werfen. Es ist möglich, innerhalb weniger Wochen die Wirtschaft teilweise lahmzulegen und in kürzester Zeit riesige Milliardensummen aus dem Hut zu zaubern. Alle, die in nächster Zukunft Worte wie „unmöglich“ oder „alternativlos“ verwenden, stehen unter erhöhtem Glaubwürdigkeitszweifel. Statt zu erklären, etwas sei unmöglich oder nicht machbar, müssen sie erklären, warum sie etwas nicht wollen oder eben andere Interessen oder Wertvorstellungen haben. Ob nach der Krise womöglich die fast vergessene Kulturtechnik des Argumentierens in die Politik und vor allem in den Deutschen Bundestag zurückkehrt? Wir werden sehen.

Das Euro-System erweist sich bei näherer Betrachtung mehr und mehr als Konstruktion nach dem Muster eines wackligen Kartenhauses. Wobei die einen mit der Kreditkarte der anderen ihre Ausgaben finanzieren. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man über die Flut von Wohltaten lachen, die sich über die lockeren Euro-Südstaaten ergießen soll. Das Lachen vergeht einem sowieso, wenn man bedenkt, wo das Geld für Frankreich, Italien und Spanien herkommen wird. Nämlich primär vom deutschen Steuerzahler mit der höchsten Steuerlast aller vergleichbaren OECD-Staaten, der übrigens nur einen Bruchteil des Medianvermögens derjenigen besitzt, die er unterstützen soll: Nach dem Global Wealth Report/Zentralbankstatistik 2019 pro Person in US-Dollar: Italien 91 889; Spanien 95 360; Frankreich 101 940; Griechenland 40 000; Deutschland 35 313 (Quelle: Wikipedia). Und: Der erst mit 67 in Rente gehen kann, während in den Südländern die abschlagsfreie Rente wesentlich früher mit 59 bis 63 beginnt. Ähnlich sieht es bei den Erwerbsjahren aus: Italien 32 Jahre, Deutschland 39 Jahre, EU-Mittel 36 Jahre (Quelle: Eurostat).

Auf die naheliegende Idee, erstmal Steuern und Lebensarbeitszeiten in diesen Staaten zu erhöhen und öffentliche Wohltaten zu begrenzen, bevor man um Hilfe ruft, kommt offensichtlich niemand. Konsequent weigern sich die Regierungen der Südländer aus korrumpierender Gefälligkeit gegenüber ihren Wählern, ihre Bürger nach rechtsstaatlichen Kriterien zu besteuern. Stattdessen blühen Schattenwirtschaft, Mafia und Korruption. Oder hat man dort Angst vor Protesten der Gelbwesten und Wutbürger? Vor den Reaktionen der Deutschen muss man sich offensichtlich nicht fürchten. Die interessiert das erstmal gar nicht, allenfalls werden sie in bewährter Weise sagen, das habe ich nicht gewusst und nicht gewollt.

Europäische Solidarität und Vertrauen gehören eigentlich zum Gründungskapital der ursprünglichen Wirtschaftsgemeinschaft, sie kann aber nur auf Gegenseitigkeit beruhend dauerhaft funktionieren. Die Briten fanden die meisten im Kuhhandel entstandenen Regelungen der Brüsseler Eurokratie schlicht unfair und haben den Club verlassen. In der Krise scheiden sich die Geister, Defizite und Versäumnisse werden schlagartig offenbar. An der Euro-Währung alleine wird das ambitionierte Jahrhundertprojekt nicht scheitern, wohl aber am Egoismus, der Ignoranz und der Unfähigkeit der Akteure.

Winfried Wolf, Plankstadt

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