Leserbrief

Bildungspolitik Die schwache Rechtschreibung ist staatlich verschuldet / Lehrer ahnten es schon, als die Diktate abgeschafft wurden

Falsche politische Vorgaben gemacht

Eigentlich ist es unfassbar – zu-mindest für uns ältere und ehemalige Lehrkräfte: Das Kultusministerium Baden-Württemberg wird noch vor den Sommerferien für viel Geld einen Leitfaden für Lehrkräfte herausbringen, wie die Rechtschreibleistung der Schüler zu verbessern ist!

Was haben eigentlich die früheren Lehrer getan, die den Kindern ohne zusätzliche teure Leitfäden richtiges Schreiben beibrachten? Und die hatten auch nicht alle Deutsch als Hauptfach studiert! Es sind ja auch nicht nur die Kinder mit Migrationshintergrund oder die Flüchtlinge, die nicht richtig schreiben können und die man jetzt als Sündenböcke brandmarken könnte. Nahezu alle Jüngeren – bis hinein in die Universitäten und darüber hinaus – haben orthographische Defizite! Dort – also an Universitäten und Hochschulen – werden Eingangskurse für Rechtschreibung und deutsche Sprache abgehalten. Vor Jahrzehnten war das noch undenkbar! Und beherrschen wirklich alle Lehrer die Rechtschreibung, wie der GEW-Geschäftsführer in dem Artikel vom 28. März in der SZ behauptet.

Ich erinnere mich, wie ich mich als Ausbildungslehrer für die Hochschule aufgeregt habe, als in den 1990er Jahren ein PH-Student im letzten Praktikum vor der Dienstprüfung an der Tafel den US-Staat „Hawaii“ mit nur einem „i“ schrieb! Und heute? Da könnte man das doch sicher locker durchgehen lassen – ist ja auch fast richtig! Und auf einem aktuellen Kontoauszug lese ich das Wort „Haubtzollamt“! Was soll man dazu sagen?

Die alten Lehrer ahnten schon, wohin der Hase läuft, als die Diktate nach und nach abgeschafft werden mussten. Sie hätten mehr und mehr miserable Noten verteilen müssen und das war politisch nicht gewollt. Denn früher galt doch allgemein als Faustregel: 10 Prozent der Wörter falsch geschrieben ergibt die Note „ungenügend“. Von Interpunktionsfehlern reden wir hier gar nicht.

Diese althergebrachten Regeln waren zwischenzeitlich obsolet geworden. Vor Jahrzehnten gab es im Rahmen des Deutschunterrichts noch den Bereich „Schönschrift“ (auch als Zeugnisnote in der Grundschule). Wenn wir die Handschriften heutiger Kinder sehen, ist es kein Wunder, dass sie unleserlich geworden sind. Wer sich mit dem Kulturgut Sprache und Schrift nicht mehr beschäftigt und Zeit dafür verwendet, sich nach seinen Möglichkeiten zu vervollkommnen, der misst der Sprache auch keinen größeren Wert mehr bei und das Schreiben verkümmert – und damit auch die Rechtschreibung!

Und dann lese ich weiter im oben angeführten Artikel, dass die Lehrer nun geschult werden müssen! Warum sagt die BW-Kultusministerin Susanne Eisenmann nicht endlich ehrlich: Es wurden in der Vergangenheit bei den Vorgaben der Politik an die Schulen gravierende Fehler gemacht und die schwache Rechtschreibung heute ist sozusagen staatlich verschuldet! Nein, man sucht die Schuldigen allenthalben woanders.

Dass nun natürlich die heutigen Lehrer nachgeschult werden müssen, ergibt sich eigentlich von selbst, denn die können ja fast zwangsläufig – bedingt durch ihre eigene Schulzeit – wahrscheinlich auch oft nicht mehr richtig schreiben!

Ulrich Kobelke, Plankstadt

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional