Leserbrief

Generation Rücksichtslos Die große Politik lebt es vor, was sich im Kleinen niederschlägt / Nur noch die eigene Sichtweise zählt

Fast nur noch Schwarz-Weiß-Denken

Scheuklappen und Tunnelblick: Was da gerade in Brüssel bei der Wahl von Ursula von der Leyen zur EU-Kommissionspräsidentin ablief, ist eine Posse sondergleichen, die man eher in einem Panoptikum, denn einer demokratischen Einrichtung vermutet.

Mit einer Mischung aus Roulette und Poker wurde unsere völlig überforderte Verteidigungsministerin nach Brüssel abgeschoben, um ihr so einen Rücktritt wegen Unfähigkeit zu ersparen. Für mich ist dieses Vorgehen ein Skandal, denn es spielt EU-Gegnern und antidemokratischen Kräften in die Hände.

All jenen, die dies unterstützen und auch noch beklatschen, stelle ich folgende Frage: Was wäre wohl in einer Kommune los, wenn nach der Kommunalwahl, die ja zusammen mit der Europawahl stattfand, plötzlich eine Person ins Kommunalparlament einziehen würde, die sich weder am Wahlkampf beteiligte und auch auf keiner Wahlliste stand?

„Wir haben nicht bedacht, wie das draußen beim Bürger ankommt“, verkündete kleinlaut die ehemalige SPD-Chefin Andrea Nahles nach der Beförderung von Verfassungsschutzpräsident Maaßen.

Und auch Merkel glänzte nach herben Verlusten bei der letzten Bundestagswahl mit ihrer holzschnittartigen Empathie: „Ich wüsste nicht, was wir hätten anders machen sollen.“ Offenbar gehören Scheuklappen mittlerweile zur Standardausrüstung unserer Regierung. Was allerdings in der Bürgerschaft teilweise abgeht, ist ähnlich grausig: Eine vernünftige Diskussion ist hierzulande fast kaum noch möglich, da es nur wenige Zwischentöne und fast nur noch Schwarz-Weiß-Denken gibt. Es gibt immer mehr Menschen, denen nix besseres einfällt, als andere, die nicht zu 100 Prozent auf deren angeblichen „Wahrheitsfrequenz“ mitschwingen, pauschal zu verunglimpfen und mit Unterstellungen, Beleidigungen oder gar einem „Gesinnungstest“ zu überziehen. Egal bei welchem Thema, es zählt nur noch die eigene Sichtweise, die nicht selten einem Tunnelblick gleichkommt. Viel zu oft wird mir die Nazischublade aufgezogen oder werden umgekehrt Menschen als linksgrün spinnende Gutmenschen tituliert, was letztendlich in einer unterirdischen Debattenkultur mündet.

Auch das spaltet unsere Gesellschaft und artet immer öfter in Gewalt aus, die nicht geduldet werden darf, wie auch Chefredakteur Jürgen Gruler in seinem Kommentar zum Angriff auf den Hockenheimer Oberbürgermeister Gummer zurecht anmahnte. Bei dieser „Generation Rücksichtslos“ kann einem Angst und Bang werden.

Herbert Semsch, Brühl

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