Leserbrief

Minderheitenschutz Diskriminierung, Ausgrenzung und Mobbing sind wichtige Probleme unserer Gesellschaft

Frei leben, wie cisgender weiße Männer

Zum Leserbrief „Wenn Gender zur Groteske wird“ vom 8. Juni wird uns geschrieben: Wenn eine privilegierte Person sich an der beginnenden Anerkennung und Unterstützung von Minderheiten stört – heißt das für mich: Neues aus der Sicht des weißen Mannes.

Immer wieder lässt sich ein interessantes Phänomen in unserer scheinbar progressiven Gesellschaft beobachten: Menschen, die von einer kommenden Veränderung, beziehungsweise von einem Thema kaum bis gar nicht betroffen sind, spucken hohe Töne darüber, wie grotesk, absurd und überflüssig diese vorgenommenen Veränderungen oder das zur Debatte stehende Thema seien.

Etwa, wenn eine weiße Person feierlich bekannt gibt, es gäbe keinen Rassismus mehr. Oder zum Beispiel, wenn ein weißer Mann mittleren Alters, der vermutlich Cisgender ist (das heißt, dass dessen Geschlechtsidentität demjenigen Geschlecht entspricht, das ihm bei der Geburt zugewiesen wurde) und sich wahrscheinlich auch als heterosexuell identifiziert (anders kann ich mir die fehlende Toleranz nicht erklären), neue Maßnahmen an Schulen zur Anerkennung und Unterstützung sexueller Vielfalt als „Quark“ bezeichnet.

Persönlich stellte sich bei mir beim Lesen von Herbert Semschs Leserbrief in der Schwetzinger Zeitung die Frage, warum sich Menschen so selten Gedanken darüber machen, wie sehr die eigenen gemachten Erfahrungen und die eigene Wahrnehmung die persönliche Meinung beeinflussen können. Die fehlende Reflexion über die eigene Wahrnehmung und vor allem über die eigenen Privilegien kann zum Beispiel dazu führen, dass ein Mensch, welcher nie Diskriminierung, Mobbing, Ausgrenzung oder Gewalt ausschließlich aufgrund seiner sexuellen Orientierung oder Geschlechteridentifikation erfahren hat, öffentlich kundtut, dass Maßnahmen an Schulen gegen diese Probleme, welche aus der konditionierten Intoleranz einer Gesellschaft resultieren, redundant seien.

Begründet wird diese Aussage natürlich mit dem Argument „es gäbe andere, wichtigere Probleme“.

Die Schule ist ein Ort voller junger Menschen, die sich in der Phase der Identitätsfindung befinden und für die es wichtig ist, zu wissen, dass sie in öffentlichen Institutionen akzeptiert sowie respektiert werden und dass dabei ihr Geschlecht und ihre sexuelle Orientierung keine Rolle spielen. Gleichzeitig bedarf es an Schulen viel mehr der Aufklärung über das Geschlecht als gesellschaftliches Konstrukt, welches Diskriminierung und Unterdrückung mit sich bringt, sowie mehr Informationen über die historische und bestehende Unterdrückung von LGBTQ- Menschen auf der ganzen Welt.

Der Leserbriefschreiber ist jedoch anscheinend der Meinung, er wüsste besser, was die Menschen in der ganzen bundesdeutschen Gesellschaft wirklich interessiert, im Gegensatz zu den „abgehobenen Profis in Berlin“.

Zudem behauptet er, Maßnahmen für die Inklusion von Minderheiten sei „Quark“, da die derzeit heranwachsende Generation von jungen Menschen die Toleranz in die Wiege gelegt bekomme, weil verschiedene Lebensweisen heutzutage zur Norm gehörten. „Doch, gab es zu Ihrer Zeit keine Schwulen, Lesben oder Transsexuellen?“ Oder wurde vielleicht einfach weniger darüber gesprochen, weil diese schon immer existenten Minderheiten zu große Angst davor hatten, ausgegrenzt, diskriminiert und verprügelt zu werden, wenn sie ihre wahre Identität bekannt geben und so leben, wie sie sich wohlfühlen? Also so frei leben, wie es weiße, heterosexuelle, cisgender Männer schon immer taten.

Lucy Rudolph, Schwetzingen

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional