Leserbrief

Freuet Euch – an Laetare

Ich treffe ihn eher zufällig. Er ist Mitarbeiter eines Job-Centers. Er berät und betreut Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, auf dem ersten Arbeitsmarkt ihr Auskommen nicht finden, oft schon länger nicht. Als ihr persönlicher Ansprechpartner ist er immer wieder mit schweren Geschicken konfrontiert. Als ich ihn frage, was für ihn in seiner Arbeit Erfolg ist, sagt er: „Wenn die Menschen, die ich berate, ein bisschen offener gehen, als sie gekommen sind.“

Das mag bescheiden klingen, und ist doch so viel: froher zu sein, zuversichtlicher, näher an der Freude. Und er fügt hinzu: „Wer immer zu mir ins Zimmer kommt, egal wie er aussieht, wie er riecht, was er anhat, wie er geht – jede und jeder hat Fähigkeiten, hat Begabungen.“ Er sagt das, wo er doch genau weiß, dass der Arbeitsmarkt nicht jede Fähigkeit und jede Begabung braucht. „Egal wie einer aussieht, wie er riecht, wie er geht. Er ist mir willkommen.“ Und indem er dies sagt, legt sich ein freundliches Lächeln um seinen Mund. Ein Lächeln, das glaubhaft wirkt. Seine Freundlichkeit und seine Freude sind ansteckend.

Vielfältig und offen

Laetare heißt der Sonntag, mit dem die neue Woche beginnt. Ziemlich genau in der Mitte der Passionszeit hat er als Leitvers „Freuet Euch“, erinnert er an die vielfältigen Anlässe sich zu freuen: am erwachenden Frühling, an den Schöpfungen der Kultur, an den Freuden, die wir einander machen können. Er erinnert an die Osterfreude, die noch aussteht und doch schon da ist: dass die Liebe stärker ist als der Tod, dass das Leben neu wird. Wir können die Freude nicht weit genug fassen: die Freude an Essen und Trinken – im Fasten wird sie am deutlichsten erlebt –, die Freude am Spiel, an der Ekstase der Liebe, an der Erkenntnis, an der Gotteserkenntnis auch, an einer Gemeinschaft, die birgt und trägt.

Das ist nicht selbstverständlich

Freude ist nichts, was wir einfach besitzen. Sie ist nicht selbstverständlich zu haben. Doch ich kann mich nach ihr strecken, wir können uns nach ihr strecken, sie nicht zu verpassen, wenn sie ausgeteilt wird. Wie gut das tut, sich zu strecken, sich nicht nur zu sehnen, sondern sich nach der Freude zu strecken! In einem Gedicht der jüdischen Lyrikerin Rose Ausländer – sie starb vor 30 Jahren – klingt das an:

Du freust dich

Akazienbäume in Blüte

Amseln Schmetterlinge

liedersingende Kinder

Du freust dich

über den Duft der Narzissen

hörst den Atem des Lebens

in deinem Atem.

Ob das beim Verlassen des Job-Centers mit der Arbeit klappt, das wissen wir nicht. Ob das Leid mancher Trauer zu neuem Leben führt, auch das wissen wir nicht. Ob das Leid der Einsamkeit gestillt werden kann, das Unverzeihliche verziehen, das Leid der Klage oder der Selbstanklage verstummt, welche Früchte das Engagement für gesellschaftliche Teilhabe aller trägt, auch das steht oft dahin.

Schmerz und Freude vereint

Der Sonntag Laetare stellt die Freude in einer Zeit des Kirchenjahres in die Mitte, in dem Jesu Selbsthingabe, sein Leiden und Sterben die Liturgien der Kirchen prägt. Als ob die Freude und das Leid, der Schmerz und die Freude zugleich und zusammen existieren könnten. Weil der Widerschein des Osterfests in uns eine Flamme entfacht, welche, allen Kümmernissen zum Trotz, die Freude hell macht und groß.

Dr. Michael Lipps,

Pfarrer in Mannheim

Das Wichtigste von heute
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker überregional