Leserbrief

Glaubensfragen Gibt es Gott – und was folgt daraus?

Frieden zwischen den Religionen

Bei ihrer wohl bedeutendsten Frage ist die Menschheit gespalten: Gibt es einen Gott, der alles geschaffen hat? Viele sehen das Universum als das Produkt eines Zufalls. Auf den müssten dann aber auch das Gute und Böse, Kriege und Frieden zurückgehen. Ihre Gefühlswelt sollten sie dann ebenfalls aufteilen: Positives und Negatives, Trauer und Freude würden jeweils die Hälfte einnehmen. Leitende Ziele und moralische Grundsätze gäbe es dann auch nicht mehr.

Wer so denkt, fühlt sich möglicherweise autonom. Aber das Gegenteil ist der Fall: Er ist unmündig. Er nimmt alles an, was er vorfindet. Wie Kinder, für die alles, was sie sehen und besitzen, selbstverständlich ist. Sie fragen nicht, woher es kommt, und zu was es gut sein soll. Zudem beziehen sie alles, was sie erleben, auf sich selbst. In kindlich unkritischem Egoismus.

Aber wie weit dürfen „autonome“ Menschen gehen? Verbote kennen sie nicht. Sind ihnen Kriege gestattet? Und dann sind sie ständig in der Gefahr, instabil zu werden und wie eine Wetterfahne den Stimmungen ihrer Gesellschaft zu folgen.

Anders leben die Gläubigen. Sie haben in Gott ein Gegenüber, eine Person mit einem Willen, einer Kraft und einer Absicht. Und sie bemühen sich ständig, ihn zu begreifen. Sie bitten um Einsicht, danken ihm und richten ihr Leben nach dem aus, was sie als seinen Willen erkennen.

Das gibt ihnen Widerstandskraft gegen Moden und Launen ihrer Mitmenschen. Wenn sie Gott gegenüber das „Dein Wille geschehe“ einüben, schließen sie sich dem „Vater unser“ an, dem Gebet, das Jesus ihnen geschenkt hat.

Nun gehört es zur Ehrlichkeit der Christen, zu bekennen, dass auch sie nicht völlig in Frieden leben. Sie führen Kriege wie auch die Angehörigen anderer Religionen – und das trotz Gottes Gebot an Abraham/Ibrahim, den geistigen Vater aller: „Sei ein Segen“. Kommt Gott ins Spiel, gehen sie sogar einen Schritt weiter. Sie rechtfertigen irdische Ziele mit seinem Willen: „Gott will es – Deus lo vult“ riefen die ersten Kreuzfahrer, die sich 1095 von Papst Urban II. aussenden ließen, das „Heilige Land“ aus der Hand der „Heiden“ zu befreien. Dass es dabei auch um Macht ging, ist nicht zu leugnen. Sie eroberten das Land, gründeten christliche Herrschaften, waren jedoch nach einem Jahrhundert wieder vertrieben.

Ihre Gegner aber lebten ebenfalls mit Gott. Sie hatten ihm Moscheen gebaut und verehrten ihn mit Gebeten. Eines von ihnen beeindruckte die Christen besonders. Fromme Muslime ließen eine Kette aus hundert Perlen andächtig mit geschlossenen Augen langsam durch ihre Finger gleiten. Sie meditierten über die hundert „schönsten Namen Gottes“. Beeindruckt davon, erwarben einige von ihnen solche Ketten und nahmen sie mit nach Hause. Als der Ordensgründer Dominikus eine sah, begriff er, dass sie ein Geschenk der Muslime an die Christen sein konnten. Irdisches Machtstreben bereicherte also den Angreifer, wenn auch unbeabsichtigt. An die Stelle der Gottesnamen setzte Dominikus das Glaubensbekenntnis, das „Vater unser“ und das „Ave Maria“.

Damit schloss er eine Lücke im Gebetsleben seiner Klöster. Dort sangen die Priester 150 lateinische Psalmen, die aber den Laienbrüdern und dem breiten Volk unverständlich waren. Für sie formulierte er drei Mal fünf Geheimnisse aus dem Leben Jesu und Marias, passend zur Freude der Weihnachtszeit, dem Leiden der „schmerzensreichen“ Passionstage und der „Glorie“ von der Auferstehung bis zur Krönung Mariens. Jedes wurde in zehn „Ave Marias“ eingefügt, was 150 Gebete ergab. So viele wie Psalmen.

Sie verbreiteten sich rasch in der Christenheit. Im Oktober 1571 vor einer Seeschlacht gegen die Muslime ließen sie sich zu einem „Gebetssturm“ motivieren und siegte. So wurde der Oktober zum Rosenkranzmonat und der 7. Oktober zum Rosenkranzfest.

Und heute? Der Rosenkranz spendet immer noch Trost und Kraft. Die Opfer des Islamischen Staats beteten ihn vor ihrer Ermordung. Und Lech Walesa trug ihn beim ersten Vertrag mit der kommunistischen Regierung um den Hals.

In Deutschland verliert der Rosenkranz Beter. Sie werden älter und ihre Gruppen kleiner. Neue wachsen nicht nach. In den Seelsorgeeinheiten Mannheims treffen sie sich noch. Manche Beter machen den Rosenkranz zum Symbol ihres Lebens und die Perlen zu Lebensjahren. Und wenn sie in den Sonntagsmessen nach dem Glaubensbekenntnis um den „Frieden zwischen Juden, Christen und Muslimen“ beten, erinnern sich manche an die Muslime, die ihnen einst den Rosenkranz geschenkt haben.

Helmut Mehrer, Brühl

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