Leserbrief

Europawahl Was wir aus der Geschichte lernen können / Nicht nur Deutschlands Nachbarn haben Macken, auch unser Land selbst

Für immer weise werden

Während einer Europawahl-Veranstaltung bekam ein Referent Ärger. Ausführlich wurde erklärt: Der Euro-Kurs sei zu niedrig. Das liege an den Nachbarn! Griechen, Italiener, Spanier und Franzosen wären mit 900 Milliarden Euro verschuldet und nicht konkurrenzfähig. Uns Deutschen bliebe zu wenig Geld für Investitionen. Merken diese Leute nicht, wie viel unverschämtes und unverdientes Glück wir haben? Ging es Deutschland in der Vergangenheit jemals besser als heute?

Schauen wir doch nur in unsere Geschichte: Bei einem Empfang frotzelte einst Konrad Adenauer gegenüber dem Kölner Historiker Theodor Schieder: „Nu sagen se mal, kann man aus der Geschichte lernen?“ Der antwortete im gleichen Ton: „Nein, aber man wird weise für immer.“ Trifft das zu? Was sagt uns die Geschichte Deutschlands mit seinem wichtigsten und liebsten Nachbarn Frankreich dazu?

Schauen wir im Internet nach Büchertiteln: „. . . Franzosenhass“, „Das Vaterland der Feinde“, „Erbfeindschaft“. Sogar das auf Verständigung ausgerichtete deutsch-französische Institut formulierte: „Von der Erbfeindschaft zur Erbfreundschaft“. Demnach müsste es also in unserer Vergangenheit längere, die Atmosphäre prägende Phasen der Feindschaft gegeben haben. Stimmt das?

Vor 1200 Jahren stand unter den Karolingern eine hundertjährige Phase der Einheit vom Atlantik bis zur Elbe. Von Pippin bis zu den „Straßburger Eiden“, 842, dem ältesten Dokument der französischen Sprache. Darin versprachen sich die Könige der Ost- und Westfranken Hilfe gegen ihren Bruder, den Kaiser, und siegten. Also steht am Anfang der deutsch-französischen Geschichte ein gemeinsamer Triumph. Die Krone ging ans Ostreich, wo auf die Karolinger die starken Sachsenherzöge folgten. Doch schrittweise schwand die kaiserliche Macht. Auf die Sachsen folgten die Salier, die Staufer, bis sich in späterer Zeit die Habsburger durchsetzten. Auch Fürstentümer wurden geteilt, und am Ende stand der unübersichtliche politische Flickenteppich, den wir in unseren Geschichtsatlanten finden – und nicht mögen.

Der Friede zwischen Deutschen und Franzosen blieb allerdings bestehen. Frankreich jedoch führte Kriege – gegen England unter anderem einen 100-jährigen. Seine Könige nutzten Unterbrechungen und den Frieden danach, um ihr Kronland zu erweitern und ihre Macht auszubauen. Dabei half der königlichen Dynastie, den Kapetingern und Nebenlinien, dass sie über alle Jahrhunderte hindurch an der Regierung blieb. So wuchs ihre Macht bis hoch zu Ludwig XIV. – als Gipfel, dann der Absturz in der Revolution 1789. In all dieser Zeit gab es keine reinen deutsch-französischen Konflikte. Noch nicht einmal der Krieg zwischen Karl V. und dem französischen König Franz I. hatte nationalen Charakter. Gegen den katholischen Kaiser standen Franz reformierte Fürsten als Verbündete zur Seite. Im 30-jährigen Krieg wiederholten sich deutsch-französische Koalitionen, ebenso im 18. Jahrhundert gegen den Preußenkönig Friedrich II. 806 waren der Markgraf von Baden und die Herzöge von Bayern und Württemberg gerne zu einem Bündnis mit Napoleon I. bereit. Er vergrößerte ihre Länder und wertete sie zum Großherzogtum Baden und zu den Königreichen Württemberg und Bayern auf. Als Dank stellten sie ihm Truppen zur Verfügung, die der Korse ohne Rücksicht einsetzte. Daraufhin verzichtete der letzte Habsburgerkaiser Franz II. auf seine Krone. Es begann Preußens Aufstieg zur führenden deutschen Macht. Dank seines Bündnisses mit den vom ersten Napoleon vergrößerten Süddeutschen, besiegte Bismarck den dritten und ließ 1871 den Preußenkönig Wilhelm in Versailles zum Kaiser ausrufen.

Im Friedensvertrag verlor Frankreich Elsass-Lothringen. Es war besiegt, wurde gekränkt, aber nicht entmachtet und entwaffnet. Ein nächster Krieg wurde wahrscheinlich. Die Zahlen bestätigen das. Die 150 Jahre von 1870 bis heute lassen sich in eine Kriegs- und eine Friedenszeit teilen. In der ersten Hälfte: Nationalismus, Rassismus, drei Kriege mit 90 Millionen Toten und furchtbaren Zerstörungen. Die deutschen Schäden nur des einen Jahres 1944 wurden auf 109 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt, auf heute übertragen: vier Billionen Euro. Dazwischen noch die demoralisierenden Wirtschaftskrisen mit lähmender Arbeitslosigkeit, zwei Inflationen, die breite Kreise in Armut stürzten und den unendlich erschütternden Mord an den Juden.

1945 begann die Zeit des Friedens und des wirtschaftlichen Aufstiegs. Neben den amerikanischen Investoren haben zwei französische Politiker den wohl bedeutendsten Beitrag dazu geliefert: Jean Monnet und Robert Schuman. Sie haben die Entstehung der Montanunion angeregt, den Grundstein der europäischen Einigung. Die materiell und moralisch noch danieder liegende Bundesrepublik wurde gleichberechtigt in die Familie der Völker Europas aufgenommen und ihre Wirtschaft wuchs in einer bis dahin und seither nicht mehr erlebten Geschwindigkeit. Wie werden wir weise?

„Man ist verantwortlich für das, was man sich vertraut gemacht hat“. Was der Fuchs dem „Kleinen Prinzen“ erklärt, betrifft auch die Beziehungen Deutschlands zu seinen Nachbarn. Ihnen Fehler vorzuwerfen, hilft niemandem. Besser wäre, wenn deutsche Unternehmen dort Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen würden. Und deren Schulden? Die 900 Milliarden Euro sind ein relativ bescheidener Preis für den Frieden. Allein im Kriegsjahr 1944 wurde das Vierfache zerstört! Ähnliches gilt auch für den Nachbarkontinent Afrika, dessen junge Leute ihr Leben aufs Spiel setzen, um nach Europa zu gelangen. Erfolgreicher, gefahrloser und leichter wäre es, dort Arbeitsplätze zu schaffen. Das würde auch den moralischen Druck senken, der durch im Mittelmeer Ertrunkenen auf Europa lastet.

Helmut Mehrer, Brühl

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