Leserbrief

Menschlichkeit Der Gesellschaft würde mehr Nächstenliebe und Verständnis gut tun – auch in Bezug auf politische Entscheidungen

Gegen Hass immun werden

Ein Blick über ihre Grenzen hinaus könnten die Deutschen zu einem Lächeln veranlassen. Ohne über eine Unbescheidenheit zu erröten, dürfen sie behaupten: „Wir haben die Corona-Krise mit weniger Opfern bewältigt als manche Nachbarn – zumindest bisher.“

Doch schon ein so bescheidenes Selbstlob reizt Unzufriedene. Mit einer herabsetzenden Armbewegung verdammen sie die politisch Verantwortlichen und ihre Entscheidungen.

Muss die Mehrheit diese Verfälschungen schweigend hinnehmen? Sind die durch die Freiheit der Meinungsäußerung gedeckt?

Nun ist niemand verpflichtet, seine Regierung zu loben. Doch dass sie die Schwierigkeit der Herausforderungen anerkennen, darf man fordern. Vieles ist völlig neu: Die Welt steht unter einer extrem gefährlichen Bedrohung, der Millionen Menschen zum Opfer fallen werden. Die politisch Verantwortlichen sind nach eigenen Aussagen überfordert und geben sogar Fehler zu, was sie normalerweise scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Der Föderalismus brachte so manchen Zaunkönig in die Versuchung, bundesweite Einschränkungen abzulehnen und seinen Landeskindern die eigene Tüchtigkeit zu beweisen.

In solchen Momenten zeigte sich auch die Unsicherheit der fachlich Zuständigen, an und für sich kompetenten Wissenschaftler. Sie verfügten anfangs noch über keine gesicherten Therapien, widersprachen einander und sogar sich selbst. Zum Beispiel wurde der Mund-Nase-Maske schon früh angeordnet, dann nur empfohlen und am Ende wieder streng gefordert. Impfstoffe und Medikamente mussten in kleinen Schritten forschend entwickelt werden.

Wer sind nun diese Kritiker ohne Verständnis, Rücksicht und Gnade?

Wir hören sie nur, wenn die Handelnden ihre Meinung nicht entschieden vertreten. Streit und Unsicherheit sind aber Begleiterscheinungen einer offenen Politik und Elemente unseres Denkens und Fühlens. Streitsüchtige wühlen in diesen Wunden. Ihnen verschlägt es allenfalls die Sprache, wenn und weil eine von ihnen vorhergesagte Katastrophe ausbleibt.

Doch Überraschungen dieser Art sind selten und werden meist rasch verdrängt. Das hat sich 2015 gezeigt, als Freiwillige hunderttausenden Flüchtlingen beigestanden sind. Damals fanden die chronischen Kritiker erst nach einer Weile Kraft und Gründe, sich zu melden. Sie griffen die Schutzsuchenden an und zerstörten ihre Unterkünfte. Dieser „Volkszorn“ verschärfte sich sogar noch. Er wurde mit fehlenden Grenzkontrollen gerechtfertigt, also einer Schwäche des überforderten Staates, die einlud, sie auszunutzen. Wie weit ihre Selbstüberschätzung ging, zeigten uns die Mordprozesse vor den Gerichten in Naumburg und Kassel.

Ein demokratischer Staat ist stark, wenn er seine Bürger für sich gewinnt. Ist er aber sachlich unsicher, fehlt ihm das wohl wichtigste Argument, sie zu überzeugen. Dann bleibt ihm nur die Ehrlichkeit, um die Menschen für seine Empfehlungen zu gewinnen.

Das viele Menschen berührendste Beispiel eigener Aufrichtigkeit lieferte zu Beginn der Pandemie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn: „Wir werden einander viel zu verzeihen haben.“ Mit dieser Bitte um Verständnis und liebevolles Entgegenkommen gab er ein Beispiel für den Umgang miteinander.

Es ist zu hoffen, dass die Menschen auf diese Weise immun gegen den Hass werden.

Helmut Mehrer, Brühl

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