Leserbrief

Corona Aufeinander zugehen und füreinander handeln

Gemeinsam die Krise überwinden

Covid-19-Infektionen steigen nach wie vor an, in Deutschland aber nur noch langsam. Doch die Gefahr ist noch lange nicht gebannt, nur eingegrenzt. Die Bürger sind unsicher, sitzen wie zwischen Baum und Borke. Mit etwas mehr Freiraum, aber unter bleibender Gefährdung. Lokale Ausbrüche wirken wie Weckrufe.

Jüngere sind sorgloser. Sie treffen sich auch in größeren Gruppen an Ufern oder auf Grünflächen. Ähnlich ist es mit der Vorschrift, beim Einkaufen eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen. Manche behalten ihre Maske an, wenn sie ein Geschäft verlassen. Um sich wie die Chinesen daran zu gewöhnen?

Für ihre Disziplin jedenfalls werden sie vom Gesundheitsminister und anderen gelobt. Und durch die niedrige Zahl von Ansteckungen belohnt: 2,34 Prozent (Stand vom 27. Juni) nach drei Monaten Pandemie. Das Musterland Schweiz leidet unter der anderthalbfachen Quote von 3,67 Prozent.

Doch bevor wir uns zu heftig auf die Schulter klopften, hat vor zwei Wochen ein Gewaltausbruch hunderter Jugendlicher das bislang als ruhig geltende Stuttgart erschüttert. Die Medien gaben sich überrascht und sprachen von einem „Exzess unbekannten Ausmaßes“.

Ist das glaubwürdig oder eine Folge von Vergesslichkeit? Eher das Zweite! Man denke nur an die Demos vor zehn Jahren gegen Stuttgart 21. Damals gingen Protestierer und Polizisten ziemlich rüde miteinander um. Woher kam das? Und nun passiert es wieder. Möglicherweise haben Bilder aus den USA die Aggressivität zorniger Bürger gegen ihre Ordnungsschützer angefacht. Am folgenden Morgen sah es auf dem Schlossplatz aus wie in Minneapolis oder Atlanta.

Kann Stuttgart das verarbeiten?

Zum Glück können wir vergleichen und fragen, wie der Konflikt vor zehn Jahren beigelegt wurde. Es gab einen „runden Tisch“, an dem Heiner Geißler die Wogen geglättet und die Geister versöhnt hat. Mancher wird einwenden, dass es damals, im Unterschied zu heute, mit den Befürwortern und Gegnern von Stuttgart 21 klare Fronten gab. Dieses Mal aber stand der Polizei ein chaotischer und diffuser Haufen gegenüber, der seine Brutalität urplötzlich entdeckt hatte und sich von ihr mitreißen ließ.

Die Schäden gehen in die Millionen Euro. Aber im Vergleich zur großen Zahl der Gewalttäter gab es nur wenige Festnahmen. Das wirkt nicht abschreckend. Um erneute Exzesse zu verhindern, musste die Polizei am Wochenende danach mit einem Großaufgebot Präsenz zeigen. Das gelang. Einige Jugendliche begrüßten es, aber nicht alle.

Dass noch lange nicht alle eingesehen haben, worum es geht, zeigte der „Shitstorm“ gegen den für die Maske werbenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann. Statt Sachbeschädigungen nun ein digitaler Angriff! Will sich der Staat nicht auf Dauer überfordern, dann braucht er das Engagement der Bürger. Sie müssen dafür gewonnen werden, sich, die anderen und ihre Stadt vor Corona und vor Gewalt zu schützen.

Hoffnung ist möglich. Randalierer und junge Polizisten gehören zur gleichen Altersgruppe. Sie müssten einander verstehen können. Ein Teil der Jugendlichen besucht zudem noch die Schule, wo sie ansprechbar wären. Grundsätzlich aber sollten alle Randalierer verurteilt werden, den Schlossplatz zu säubern, um ihre Mitbürger und die Schönheit der Stadt achten zu lernen.

Mitverantwortung ist gerade in der Corona-Zeit unverzichtbar. Und nur was man wertschätzt, schützt man auch.

Der Jugend gehört die Zukunft, heißt es. Es wird Zeit, dass sie es er-kennt.

Helmut Mehrer, Brühl

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