Leserbrief

Europa Deutsch-französische Freundschaft ist ein Wunder

Geschichte nicht frisiert

Leserbriefschreiber Jürgen Hanselmann sei gedankt für seine Ausführungen vom 24. Mai. Vor allem, weil er den Anlass zu einer Antwort geliefert hat.Es ist zumindest schlechter Stil, wenn er mich, den ihm unbekannten Bürger einer Nachbargemeinde beleidigt, unter anderem mit „es schwane einem [bei mir] nichts Gutes“ und mir vorwirft, „Geschichte so zu frisieren, wie es [mir] genehm ist“. Starker Tobak.

Meiner These, dass es vor 1870 keine Feindschaft zwischen Deutschen und Franzosen, also den Menschen, den Völkern, gegeben hat, widerspricht er zwar, liefert aber keinen Beleg. Er nennt Kriege zwischen Staaten, also Regierenden, die in vordemokratischer Zeit ihre Völker in Unfreiheit hielten. Richelieu etwa, der als Katholik 1635 an der Seite der evangelischen Reichsstände (Fürsten und Städte) den habsburgischen katholischen Kaiser bekämpfte. Damit hat er die Truppen unterstützt, die der evangelische Schwe-denkönig Gustav Adolf 1630 nach Deutschland geführt hatte. Das treibende Motiv dieses Eingreifens kann nur Gier gewesen sein, das heißt die Ausbreitung der eigenen Macht auf Kosten der Deutschen.

Von denen fiel mindestens die Hälfte, vor allem Arme und Schwache, diesem 30-jährigen Krieg zum Opfer. Dass sich dabei Christen gegenseitig umbrachten, stellt die Religion an den Pranger. Sie schuf keinen Frieden, sondern hielt den Streit am Laufen. Ähnliches erleben wir heute wieder: Im innermuslimischen Streit des Irans gegen Saudi-Arabien, der Schiiten gegen die Sunniten, wo es um Glaubensbrüder geht, die unterdrückt werden.

Was politisch interessierte Europäer damals wünschten, zeigte sich während der „Großen Revolution“, als auf „Fanplakaten“ an Frankreichs Grenzen zu lesen war: „Hier beginnt die Freiheit.“ Das Recht, über sich selbst zu bestimmen, wurde aber zum Beispiel den Untertanen des von Napoleon zum badischen Großherzog beförderten Markgrafen verweigert. Auf den Feldzügen des Korsen bezahlten sie zu Hunderttausenden dessen befriedigte Eitelkeit mit dem Leben.

Dass ab 1870 eine Ära deutsch-französischer Rivalität begann, ist meine zweite These. Ausgelöst wurde sie durch die von Franzosen als tief demütigend empfundene Kaiser-Ausrufung des Preußenkönigs Wilhelm in Versailles und der Besitznahme des Elsass’, besonders aber Lothringens, obendrein.

Jahrzehnte der Ungleichheit und Unfreiheit, zwei Weltkriege mit zwei Niederlagen, die das Leben von 80 Millionen Menschen kosteten, Hab und Gut zerstörten, und zwei Inflationen herbeiführten, die die Ersparnisse der Bürger vernichteten. Dass die deutsch- französische Rivalität 1945 in ein glückliches Ende und einen erfolgreichen Neustart mündete, gehört zu den Wundern der Weltgeschichte.

Helmut Mehrer, Brühl

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