Leserbrief

Nachbarschaft Zahlreiche Kriege prägen das Miteinander von Deutschland und Frankreich

Geschichte sehen, wie es genehm ist?

Bezug nehmend auf den Leserbrief von Helmut Mehrer„Für immer weise werden“(SZ vom 18. Mai, Seite 40): Leserbriefschreiber Helmut Mehrer war meines Wissens Geschichtslehrer. In seinem Leserbrief stellt er die deutsch-französische Geschichte so dar, wie sie ihm genehm ist. Wenn er das bei seinen Schülern auch so gemacht hat, dann schwant mir nichts Gutes.

Im Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) fielen die französischen Truppen Kardinal Richelieus ins Reich ein, weil der Kardinal machtpolitische Interessen über konfessionelle Bedenken stellte und dem katholischen Kaiser in den Rücken fiel. Mehrer meint dagegen, der Friede zwischen Deutschen und Franzosen sei bestehen geblieben und sieht wiederholte deutsch-französische Koalitionen.

Im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688 - 1697) durchzogen die französischen Heere Ludwigs XIV. ganz Süddeutschland, weil sie das österreichische Kernland bedrohen wollten. Wer hat das Heidelberger Schloss gesprengt und niedergebrannt? War es ein verirrter Kugelblitz oder waren es vielleicht doch französische Truppen?

Auch im folgenden Spanischen Erbfolgekrieg (1701 - 1714) kamen die Franzosen über den Rhein. Als Graf Kaunitz 1755 die Aussöhnung zwischen Österreich und Frankreich gelang, ahnte der von freimaurerischen Idealen geblendete Preußenkönig und Aggressor Friedrich II., dass es ihm an den Kragen gehen sollte.

Im folgenden Siebenjährigen Krieg (1756 - 1763) kämpfte Preußen gegen eine französisch-österreichisch-russische Allianz. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts eroberte Napoleon Deutschland und nötigte den Rheinbundstaaten seinen Willen auf. Mehrer meint dagegen, sie hätten ihm aus Dank Truppen zur Verfügung gestellt.

Sein Leserbrief vermittelt mir den Eindruck, als hätten sich beide Nationen in ihrer Geschichte zum Knutschen lieb gehabt.

1870 erklärte Frankreich unter Napoleon III. Preußen den Krieg, wonach sich die süddeutschen Staaten mit Preußen solidarisierten. 1892 schloss Frankreich mit Russland eine Militärkonvention, womit die Einkreisungspolitik gegen das Deutsche Kaiserreich ihren Anfang nahm, die dann 1914 in der Revanchepolitik Poincarés und Vivianis gipfelte.

Die von Mehrer kritisierten Schlagworte „Franzosenhass“, „Vaterland der Feinde“ und „Erbfeindschaft“ entstanden nicht etwa aus purer Böswilligkeit, sondern aus einer historischen Erfahrung und aus einem Gefühl der Bedrohung heraus.

Den Stein der Weisen haben noch nicht einmal die Freimaurer des höchsten Grades gefunden, es sei denn in ihrer wohlgenehmen Einbildung. Trotzdem kann man aus der Geschichte lernen! Allerdings nur dann, wenn man sie unvoreingenommen und ergebnisoffen erforscht. Wer dagegen nur sein inneres Wohlbehagen fördern will, wird auch Geschichte zwangsläufig so frisieren, wie es ihm genehm ist.

Jürgen Hanselmann,

Hockenheim

Das Wichtigste von heute
Newsticker Schwetzinger Zeitung
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional