Leserbrief

Nächstenliebe und Menschenwürde Das Beispiel Burkina Faso zeigt, dass Wohlstand nicht alles ist / Wurzeln bewahren

Gott hilft dabei, sich immer zu prüfen

Ob es Gott gibt oder nicht – das ist eine Frage, mit der sich immer weniger Menschen befassen. Vielleicht aber doch mehr als Sie annehmen. Seinen Namen fand, wer am 21. Juli die Seiten 30 und 31 (Leserbriefe) vor sich legte, zwar nur drei Mal, doch auf der einen Seite war er präsent, auf der zweiten fern. Der christlich inspirierte Begriff Nächstenliebe und die Menschenwürde des Grundgesetzes prägten die erste Seite. Lange Listen von Angriffen auf Flüchtlinge und Argumente für Abschottung und Zurückweisung von Migranten die zweite – in einem Wort die egoistische.

Wellen solcher Gegensätze sind schon mehrfach über unser Land gegangen. Zwei Beispiele: 1945 bis 49 stießen Heimatvertriebene verbreitet auf Ablehnung, so wie 1990/91 Übersiedler aus der aufgelösten DDR und Flüchtlinge aus dem zerfallenden Jugoslawien. Dazwischen lagen die 68er Jahre, das Attentat auf Rudi Dutschke und Prügelszenen in den Großstädten. Die Erinnerung an die NSDAP war damals noch lebendig, auch ein Wort Bert Brechts: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“ (Epilog aus dem „Arturo Ui“ – also Hitlers). Wie als Bestätigung entstand damals die NPD, ähnlich im Jahr 1990 die Republikaner.

Es liegt nahe, die derzeitige ausländerfeindliche Welle als Parallele zu sehen. Wie aber sollen wir mit ihr umgehen? Sie als unabwendbares Schicksal hinnehmen – so wie Bert Brecht?

Die in den 1990ern häufig zitierte Einsicht eines Mitbürgers könnte uns weiter führen: „ Jeden Morgen, wenn ich mich beim Rasieren im Spiegel anblicke, muss ich als Erstes den Republikaner in mir bekämpfen.“ Der Mann fühlte sich doppelt unwohl. Zuerst, weil Fremde in sein Land kamen, dann aber, weil er dieses Gefühl für seiner unwürdig hielt. Sein Verstand verlangte von ihm, es zu bekämpfen. Er schämte sich vielleicht. Sein Gewissen als Staatsbür-ger behielt die Oberhand.

Wer also denkt, dass es reicht und dass hier angestrebt wird, Parteien zu bekämpfen, hat noch nicht verstanden, worum es geht – gehen muss. Es ist nichts weniger als die innere Einheit in unserem Fühlen, Denken und Tun, um ein in sich geschlossenes Selbstverständnis. Wir haben ein Recht auf unsere Gefühle, aber auch die Pflicht, sie zu überprüfen. Deutschland zählt, laut Wikipedia, wirtschaftlich zum obersten Zehntel, zu den 20 reichsten Staaten der Erde. Es lebt seit einem Dreiviertel-Jahrhundert im Frieden. Die Grundrechte sind garantiert, die demokratische Ordnung ist gesichert.

Liegt es da nicht nahe, dass sich Menschen im unteren Zehntel, zum Beispiel in Burkina Faso, von diesem Wohlstand angezogen fühlen? Gerade das aber tun sie nicht. Sie müssen zwar selbst eine starke Einwanderung von Norden, aus Mali, verkraften, ihre Regierung kämpft aber gegen die Auswanderung ihrer Bürger. Diese Politik unterstützt Armand Abgas, Bürgermeister in Brühls Partnerstadt Dourtenga und Parlamentsabgeordneter: „Burkina Faso heißt Land der ehrbaren Menschen. Sie leben lieber in der Armut, als ihre Wurzeln zu verlassen.“

Ehrbar, also ethisch vertretbar, so wie der zitierte Deutsche, dessen Gewissen seine Gefühle in Frage gestellt hat. Damit sind wir bei einem Begriff, den Gläubige eher verwenden als Gottesfremde. Dennoch, er gehört zur Umgangssprache, auch in der Politik. Die Bundesrepublik lässt die Länder des Südens nicht allein. Sie fördert ihre Anstrengungen, den Bürgern ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen mit Entwicklungsprogrammen. Dourtenga und Brühl etwa sind eine staatlich unterstützte Partnerschaft eingegangen, die das Klima erträglicher machen und den weltweiten CO2-Ausstoß senken soll.

Völlig klar: Man muss nicht an Gott glauben, um ethisch korrekt und in seinem Geist zu handeln. Das haben 2015 die zahlreichen atheistischen Helfer der Flüchtlinge deutlich gemacht. Christen, Muslime und Juden werden hingegen durch ihren Glauben ständig ermutigt, moralisch zu denken und zu handeln. Durch ihre Lieder und Gebete zu Gott, ihrem Schöpfer, und durch Gesprächspartner, ebenso durch Predigten und theologische Texte, die sie einladen, sich immer zu überprüfen und zu korrigieren. Sie sind überzeugt: Gott hilft ihnen dabei.

Helmut Mehrer, Brühl

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