Leserbrief

Rassismus Neue Informationen aufnehmen und den eigenen Sprachgebrauch überprüfen

Hört den Menschen zu

Zum Leserbrief „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, wird uns geschrieben: Was ist Rassismus und was nicht? Diese Frage beschäftigt derzeit wieder vermehrt die Bundesrepublik. Auffällig bei den verschiedenen vermeintlichen Antworten auf diese Frage ist vor allem, dass anscheinend viel weniger Sachverhalte und Sprachgebräuche rassistisch seien, als vielleicht behauptet wird. Wichtig bei dieser Debatte ist, wer spricht und wer was sagt.

Ein weit verbreiteter Trugschluss bei dem sensiblen Thema Rassismus ist, dass es, um Rassismus entgegenzuwirken, essenziell sei, einfach überhaupt nicht auf die Hautfarbe von Menschen zu achten, da dieses Merkmal ja nichts zu bestimmen hat. Grundsätzlich ist dieser Ansatz natürlich korrekt, denn nennenswerte genetische Unterschiede von Menschen mit geringem oder erhöhtem Melaningehalt bestehen nicht. Jedoch spielt die Hautfarbe dann eine Rolle, wenn ein Mensch, der aufgrund seines Erscheinungsbildes noch nie Rassismus in seinem Leben erfahren hat, meint, er könne bestimmen, was rassistisch sei, und was nicht. Dies konnte man am Samstag, 11. Juli, in der Schwetzinger Zeitung lesen. Herbert Semsch schreibt in seinem Leserbrief über die Worte „Mohr“, „Schwarzfahrer“ sowie die Frage „Woher kommst Du?“. Er kommt dabei zum Schluss: Ist doch gar nicht so schlimm! Das ist nicht Rassismus!

Und da fängt das Problem an. Viele Menschen, die im Alltag und in Institutionen Rassismus erfahren, stören sich zurecht an diesen Begriffen. Sie stören sie nicht nur, sie diskriminieren sie, festigen Vorurteile und Stereotypen, die meist ihren Ursprung in der Kolonialzeit finden. Wieso sollten Menschen, die weiß sind, also keinen Rassismus am eigenen Leib erfahren, darüber urteilen, ob Begriffe oder Fragen, welche Schwarze, beziehungsweise „nicht-weiße“ Menschen verletzen und diskriminieren, rassistisch sind?

Man stelle sich vor, ein gehender Mensch sagt einem Rollstuhlfahrer, es sei doch nicht so wichtig, ob es im Rathaus eine Rampe gibt, oder nicht.

Rassismus ist nicht nur AfD wählen, „nicht-weiße“ Menschen auf der Straße anpöbeln oder schwarzen Menschen verbieten, vorne im Bus zu sitzen. Rassismus ist tief verankert, er erscheint Betroffenen bei der Wohnungssuche, beim Vorstellungsgespräch, im Supermarkt und auf der Dating-App. Rassismus ist „nicht-weißen“ Menschen die Menschlichkeit abzusprechen. Würde man Rassismus nur feststellen, indem man Menschen fragt, ob sie denn rassistisch seien, dann würde man nicht mal in der NPD Rassisten finden, so viel ist klar.

Weiße Menschen können diskriminiert werden, zum Beispiel, wenn sie weiblich sind oder homosexuell. Aber nicht wegen ihrer Hautfarbe, denn Rassenideologien und -theorien haben weiße beziehungsweise helle Haut als besser betitelt und andere Hautfarben als weniger wert, um somit die Ausbeutung und Ermordung von etlichen, „nicht-weißen“ Völkern zu rechtfertigen.

Nur Menschen, die wirklich Rassismus erfahren, können bestimmen, ob etwas rassistisch ist, oder nicht. Denn nur diese können, aus Erfahrung wirklich wahrnehmen, wann etwas rassistisch ist oder nicht.

Man kann sich das für einen am unproblematischsten Google-Ergebnis raussuchen und dann behaupten, „Mohr“ sei kein rassistischer Begriff und dann alle, die anderes behaupten, als Sprachfanatiker abtun. Aber das ändert nichts daran, dass viele schwarze Menschen so bezeichnet werden, von Leuten, die sie damit erniedrigen wollen. Man könnte auch sagen: „Aber der N-Wort-Kuss (Schokokuss) ist doch süß und lecker, also etwas Gutes, das ist nett gemeint.“ Die Intention dahinter ändert nicht die Wirkung. Abgesehen davon, ist das Wort „Mohr“ sehr wohl rassistischen Ursprungs. Wer das Wort im Duden sucht, wird unter Gebrauch „veraltet, heute diskriminierend“ lesen. Wem das nicht reicht, könnte sich darüber Gedanken machen, wieso Europäer diesen Begriff erfanden und in welchem Zuge sie damals den schwarzen Menschen begegneten, die sie dann so bezeichneten.

Und wieso ist das Wort „Schwarzfahrer“ diskriminierend? Dafür sollte man sich mal überlegen, was man generell mit den Worten Schwarz und Weiß assoziiert, und woher das kommt. Weiß ist gleich rein, unschuldig und gut – Schwarz schmutzig, verboten und böse. Was bewirken diese meist unbewussten Assoziationen? Die Wahrnehmung, dass schwarze Menschen von Grund auf schuldig sind und bestimmt etwas Verbotenes machen. Viele werden sich jetzt denken: „Nein, ich nicht! Ich sehe keine Hautfarbe, ich bin nicht rassistisch – niemals.“ Sie unterschätzen dabei, wie hinterhältig sich die menschliche Wahrnehmung verhält, vor allem, wenn sie von Anfang an mit Stereotypen und Vorurteilen gegenüber Menschen dunkler Hautfarbe gefüttert wird.

Nun zu „Woher kommst Du?“ Natürlich sind die verschiedenen Länder dieser Welt interessant und aufgeschlossene Menschen mit guten Intentionen möchten Menschen aus der ganzen Welt kennenlernen und sich austauschen. In Deutschland wurde ich als weiße Frau aber noch nie gefragt, woher ich komme. Interessiert es die Leute nicht, dass ich aus Schwetzingen bin? Oder könnte es eventuell daran liegen, dass ich weiß bin, und daher angenommen wird, dass ich eh aus Deutschland komme und hierhin gehöre. Die Wahrheit ist, dass man heute in Deutschland nicht am Aussehen der Menschen bestimmen kann, ob sie hier geboren wurden. Wer nicht weißen, blonden und blauäugigen Menschen mal zuhört, wenn sie von ihren „Woher kommst Du?“ – Begegnungen erzählen, der weiß, dass diese meist so verlaufen: „Woher kommst Du?“ (Meist als Frage direkt nach „Wie heißt Du?“) – „Aus Mannheim“ – „Nee, woher kommst Du wirklich?“ – „Okay, ich wurde in Heidelberg geboren.“ – „Nein, woher kommen deine Eltern?“

Und das geht dann so weiter, bis die Person endlich ihre „exotische Antwort“ erhält. Es geht also nicht darum, dass die Frage nach der Herkunft inhärent rassistisch ist, sondern dass sie direkt nach dem Kennenlernen erfolgt. Der weiße Mensch fordert sofort eine außergewöhnliche Herkunftsgeschichte von dem Menschen, bei dem als erstes Merkmal erkannt wurde, dass er nicht „typisch deutsch“ aussieht.

Wer Rassismus bekämpfen möchte, muss bei sich anfangen und dabei nicht vor Veränderung zurückscheuen. Es sollte normalisiert werden, dass man seine Meinung ändert, wenn man neue Informationen erhält. Dazu gehört auch, seine Sprachgewohnheiten anzupassen, sodass niemand diskriminiert wird. Und wer sich fragt, wieso ich das als weiße Person denn alles so sagen darf, wenn ich Rassismus nie erfahren habe, für den habe ich eine einfache Antwort: Hört schwarzen Menschen zu, sprecht ihnen ihre Erfahrungen nicht ab und lest ihre Bücher. Ich empfehle „Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus“ von Noah Sow und „exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen“ von Tupoka Ogette.

Lucy Rudolph, Schwetzingen

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