Leserbrief

Erdgasspaltung im Wohnhaus Keine bahnbrechende Sache

Irreführend und sehr störanfällig

Vor circa 180 Jahren wurde das Prinzip der Brennstoffzelle entdeckt: Wenn man Wasserstoff und Sauerstoff unter bestimmten verfahrenschemischen Bedingungen zusammenbringt, verbinden sie sich zu Wasser, wobei elektrischer Strom entsteht. Diese „kalte Stromerzeugung“ geriet in der Folgezeit gegenüber dem Dampfkraftwerk und dem Dynamo mehr oder weniger in Vergessenheit.

Erst in den 1960er Jahren wurde die Brennstoffzelle spektakulär wieder aufgegriffen und zwar in der Raumfahrttechnik. Heute ist sie fester Bestandteil der Diskussion um die zukünftige individuelle Mobilität und wird von einigen Autoherstellern publikumswirksam erprobt. Vergleiche dazu auch den Spruch: „Aus dem Auspuff kommt nur Wasser“.

Deswegen dürften viele SZ-Leser über einen Artikel vom 28. Dezember erstaunt gewesen sein, in dem eine Brennstoffzelle (BZ) als Heizanlage eines Wohnhauses vorgestellt wird. Wenn sie Strom fürs Netz erzeugt, wird sie so heiß, dass der Hausbesitzer über Wärmetauscher Heißwasser für seine Raumheizung gewinnen kann.

Brennstoffzellen funktionieren bekanntlich mit Wasserstoff und der Leser fragt sich sogleich woher der H2 kommt, und in was für voluminösen Tanks dieser sehr energiearme Brennstoff im Keller gespeichert wird. Zu unserer Überraschung wurden wir auf der Suche nach Antworten nicht fündig, denn der in diesem Zusammenhang zentrale Begriff „Wasserstoff“ (H2) kommt in dem besagten Artikel überhaupt nicht vor!

Einer Lösung dieses journalistischen Rätsels kommt man im zweiten Absatz näher, denn da heißt es, es handle sich hier um eine Sorte Brennstoffzelle, die durch eine „elektrochemische Reaktion von Erdgas und Sauerstoff Energie gewinne“. Erdgas kann man im Schwetzinger „Langen Sand“ aus dem Netz beziehen, so dass sich eine Transport- und Lagerfrage gar nicht stellt.

Aber jetzt stellt sich natürlich die Preisfrage „Was macht diese Schwetzinger Brennstoffzelle mit Erdgas?“ Die zu erwartende Antwort lautet „gar nichts“, denn das Erdgas wird in einer vorgeschalteten Anlage, Reformer genannt, mit Hilfe von Wasserdampf in Wasserstoff , CO2, CO et cetera zerlegt, gefolgt von mehreren Reinigungsschritten. Es handelt sich dabei um eine Miniaturversion der in der Grundstoffchemie im großen Stil praktizierten Erdgasreformierung zur H2-Gewinnung für zahlreiche nichtenergetische Zwecke. Es grenzt schon an irreführende Unverfrorenheit, dass den unbefangenen Lesern eine anscheinend in die H2-Zukunft weisende BZ-Heizung angepriesen wird, deren Brennstoff aus einer vorgeschalteten komplizierten, störanfälligen und klimaschädlichen Erdgasreformierungsanlage stammt.

So etwas kommt natürlich allenfalls für Wohnhäuser mit Gasnetz-Anschluss und verfahrenschemischen Fachleuten in Reichweite in Frage. Der Lobpreisung einer „beispielhaften, nachhaltigen und dezentralen Heizmethode“ als Beispiel für eine Wende „gegen fossile und atomare Grossenergieversorgungssysteme“ fehlt aus meiner Sicht jegliche Plausibilität.

Das energietechnische Kuriosum „Brennstoffzellenheizung mit Erdgasspaltung“ ist ein weiterer Beleg für die These, dass alle Bemühungen Wasserstoff zu einem vollwertigen, fossile Brennstoffe ersetzenden Energieträger zu machen, vergebens sind. Er ist und bleibt ein unersetzlicher chemischer Grundstoff, mit einigen energetischen Sonder-Anwendungen, so zum Bespiel als Raketentreibstoff.

Dr. Felix Conrad, Hockenheim

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