Leserbrief

Me-too-Debatte

Jetzt auch noch Giscard d’Estaing

Langsam geht mir die „Ich auch“-Debatte, ausgelöst von prominenten, emanzipierten und sexuell befreiten Frauen auf die Nerven. Nach Plácido Domingo jetzt noch der ehemalige Staatspräsident von Frankreich. Ein Greis von 92 Jahren konnte von der Journalistin Stracke, zum Zeitpunkt des Übergriffs 35 Jahre alt, nicht in die Grenzen verwiesen werden. Ein Schlag auf die Hand hätte genügt. Das geschah auch noch unter den Augen des Kameramanns und der Tonassistentin. Er habe ihr die Hand auf den Po gelegt und dies beim nächsten Foto wiederholt. Das ignorierend, folgte Stracke ihm dennoch ins Büro, wo sich der Greis unter den Augen des Kameramanns erneut ermuntert fühlte, sie noch einmal unsittlich zu berühren – ohne Gegenwehr? War die Dame zu naiv oder zu geschäftstüchtig? Schadenersatzansprüche werden aus dieser Affäre abgeleitet.

Übrigens hat auch die bekannte Autorin Roche („Feuchtgebiete“) es zugelassen, dass die Hand eines Mannes minutenlang auf ihrem Po ohne Gegenwehr ruhen konnte. Das hat sie in einer Talkshow zum Besten gegeben. Was ist nur mit den „starken Frauen“ los?

Zu dieser Debatte kann ich auch etwas weniger Dramatisches, aber Folgenschweres beitragen. Auf einer betrieblichen Weihnachtsfeier habe ich die Aufforderung meines Chefs zum Tanz abgelehnt. Von den Kollegen, mit denen ich auch nicht getanzt habe, wurde das quittiert mit: „Sind Sie noch zu retten?“ Die Chefsekretärin sagte: „Endlich mal ein mutiges Mädchen“. Dem folgte, dass ich als Sekretärin im Büro des Chefs Weihnachtspäckchen packen durfte, mit dem Hinweis: „Jetzt wissen Sie, warum in Ihrem Vertrag steht, auch andere zumutbaren Arbeiten sind auszuführen.“ Einen Betriebsrat hat es nicht gegeben, weshalb ich die Firma verlassen habe.

Marlies Böcker-Stastny,

Hockenheim

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