Leserbrief

Schwetzinger Wiesen Schnakenproblem dient nicht als Ausrede / „Anschuldigung ein herabwürdigender Schlag ins Gesicht“

Landwirte wehren sich

Bezug nehmend auf den Leserbrief von Lothar Radler „Wir wollen doch künftig kein Schnakenparadies?“(SZ vom 4. Mai, Seite 40):

Dem Leserbrief „Wir wollen doch künftig kein Schnakenparadies“ von Lothar Radler aus Ketsch muss einfach widersprochen werden. Er unterstellt uns Landwirten, dass wir das Schnakenproblem nur als Argument vorschieben, um unsere Interessen durchzusetzen. Hat Herr Radler als früherer Brühler Dachdecker die schlimmen Zeiten der Schnakenplagen, die er sicherlich auch selbst erlebt hat, etwa vergessen? Warum hat er sich damals als Dachdecker in Brühl nicht gegen die totale Verbauung der Landschaft, insbesondere des Randgebietes der Schwetzinger Wiesen, engagiert? Hat er damals andere Interessen als heute vertreten? Etwa wirtschaftliche als Unternehmer? Dreimal darf man raten. Scheinbar hat er mittlerweile auch die räumliche Orientierung verloren, dies beweist eindeutig seine Schilderung zum Naturschutzgebiet. Auf dem Asphaltweg sieht man rechts die Wohnhäuser und Verbauung, die bis direkt an die Niederung der Felder und Auenlandschaft und links bis zum Leimbach geht. Die beim Kiesabbau entstandenen Seen liegen jedoch überwiegend im Landschaftsschutzgebiet.

Zum Thema Schnakenplage hier noch ein paar Informationen: Das Bekämpfungsmittel ist eine einmalige hervorragende Entwicklung von Forschern aus Israel, welche diese vor zirka 40 Jahren zur Bekämpfung am Jordan entwickelt haben – es bekämpft zwar nur die Schnaken, aber jeder Schädling stellt sich auch irgendwann auf seine Bekämpfung ein. Im regenreichen Jahr 2017 musste bei der Schnakenbekämpfung bereits die doppelte Menge verwendet werden als die Jahre davor.

Die Schwetzinger Wiesen haben eine Gesamtfläche von 280 Hektar, davon sind zirka 146 Hektar Naturschutzgebiet und 134 Hektar Landschaftsschutzgebiet. 88 Hektar werden von dieser Fläche als Ackerland bewirtschaftet, der Rest ist Wiesen, Hecken, Wege und Wasserläufe. Herr Radler hat aber scheinbar nicht nur Orientierungsdefizite – auch bezüglich Eigentumsverhältnissen und Wildbestand ist er nicht auf dem neusten Stand: Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Schwetzingen sind die Eigentümer mit dem größten Flächenanteil – aber zehn Prozent des Geländes ist noch immer in Privatbesitz. Hasen, Rehe und Kleintiere sind ausreichend vorhanden. Für diese Tiere sind mehrere Rettungshügel aufgeschüttelt worden, um sie bei auftretendem Hochwasser vor dem Ertrinken zu schützen. Jedes Hochwasser ist für diese Tiere jedoch Stress beziehungsweise ein Überlebenskampf. Sollte Herr Radler einmal wieder zu Zeiten auf den Schwetzinger Wiesen sein, an denen Bodenbearbeitungen durchgeführt werden, kann er sich selbst ein Bild von den vielen umherlaufenden Störche machen, die Würmer und Engerlinge fressen. Auch Wildschweine gibt es genügend – das können die Jäger, die die auftretenden Wildschäden regulieren müssen – eindeutig bestätigen.

Scheinbar war Herr Radler auch nicht auf den Schwetzinger Wiesen als im Naturschutzgebiet zirka 1,7 Hektar Baumbestand mit zirka 4000 Kubikmeter Holz und Hecken im Namen des Naturschutzes gerodet wurden, obwohl Wald 1000-mal mehr CO² speichert als Wiesen oder Getreide. Unser Rat an Herrn Radler zum Schluss wäre: Vielleicht sollten Sie sich erst in die Fakten einarbeiten, bevor sie als Fachfremder Leserbriefe verfassen.

Ulli Renkert, Bauernverband Schwetzingen

Als Landwirt aus Hockenheim beunruhigt mich die Diskussion um die Schwetzinger Wiesen zunehmend. Vor allem die Art, wie mittlerweile diskutiert wird. Herr Radler spricht davon, dass die Landwirte sich mit den Subventionen „des Öftern im Jahr einen Urlaub gönnen“. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Als Landwirt, wo es fast schon eine Selbstverständlichkeit ist, weitaus mehr als 40 Stunden die Woche und auch an Feiertagen zu arbeiten, geschweige denn Zeit für ausgiebigen Urlaub zu haben, weil man abhängig vom Wetter ist oder man sich jeden Tag um seine Tiere kümmern muss, ist diese Anschuldigung ein unglaublich herabwürdigender Schlag ins Gesicht. Der tägliche Griff ins Supermarktregal scheint ihn hier wohl vergessen lassen, wie die Regale eigentlich gefüllt werden und woher die Produkte dafür kommen. Die aktuelle Diskussion ist dadurch ja überhaupt erst möglich: Wenn man jeden Tag mit dem Pferd Furchen im Schritttempo zieht, hatte man damals andere Probleme und es definitiv nicht nötig, mit Leserbriefen Populismus zu betreiben. Gerade das ist Herrn Radler überhaupt erst möglich, weil er nicht selbst dafür sorgen muss, dass sein Essen für ihn im Regal steht. Viel besser kann man das Sprichwort „Wasser predigen und Wein trinken“ kaum verkörpern. Im Übrigen sollte es auch langsam möglich sein, in globaleren Zusammenhängen zu denken. Auch Deutschland hat eine Verantwortung für die globale Ernährungslage zu tragen. Und dafür muss man auch unbequemen Wahrheiten ins Auge blicken: der Wahrheit, dass wir unseren heutigen Konsum nicht mehr aus eigener Produktion decken können, dass wir dafür zig Millionen Tonnen aus ökologisch wesentlich bedenklicherer Produktion importieren, und dass wir im Gegenzug das Problem des Artensterbens in diese Länder exportieren.

Andre Rinklef, Siegelhain

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