Leserbrief

Schachmatt Steht am Ende ein Pyrrhussieg gegen das Virus? / Politiker sollten nur das Verordnen, was sie auch einhalten können

Mal über den eigenen Schatten springen

So manches erschließt sich in Corona-Zeiten nur noch, wenn man Satire neu interpretiert. Wobei einige Aktionen schon fast als Satire durchgehen würden. Wie die ominöse „Verhaftung“ von Schachfiguren. Folgendes war passiert: Im Stuttgarter Schlossgarten widmeten sich einige Menschen dem Schachspiel bei den dortigen Schachspielfeldern mit übergroßen Figuren. Ein Verstoß lag schon allein deswegen vor, weil hier auf dem großflächigen Gebiet sich die Beteiligten zwar abstandsmäßig gut verteilten, aber im Gesamten es eben zu viele waren.

Um Schlimmeres zu verhindern, wurden alle Schachfiguren kurzerhand in Gewahrsam genommen, also „abgeführt“, in Polizeitransporter verstaut und eingelagert. Das hat schon was Kurioses; vor allem wenn man an die Beteiligung unserer Handballnationalmannschaft im Hochsicherheitsrisikogebiet Ägypten sowie andere Sportereignisse oder die Querdenkerdemos denkt. Wenn dann auch noch in Wintersportgebieten britische Skilehrer Skiunterricht erteilen dürfen, braucht man sich nicht wundern, wenn die britische Virusvariante auch in Zentraleuropa Einzug hält.

Oder man betrachte nur mal den „Maskenball“: Mitte Dezember wurden die Apotheken von der Aktion, Risikogruppen kostenlos drei FFP2-Masken auszuhändigen, völlig überrascht und von Kunden überrollt. Die Vorräte waren bald aufgebraucht und viele gingen leer aus.

Jetzt sind zwar die Lager voll für die neue Aktion, sich zweimal sechs FFP2-Masken per Gutschein abzuholen. Aber nun hakt es in der Bundesdruckerei, die die Gutscheine an die Krankenkassen schickt, damit die diese an die Berechtigten verschicken. Das kann noch dauern. Wir haben in Baden-Württemberg Glück, dass – im Gegensatz zu Bayern – auch andere medizinische Masken akzeptiert werden. Vielleicht liegt es daran, dass man erkannt hat, dass die FFP2-Masken, selbst unter Fachleuten, nicht ganz unumstritten sind. Nicht nur wegen der Abdichtungsprobleme bei Bartträgern. Da könnte eine „Corona-Bartverordnung“ Abhilfe schaffen.

Weshalb haben noch mal viele Menschen in liebevoller Handarbeit Stoffmasken genäht und sogar die Firma Trigema ein Teil ihrer Produktion umgestellt? Weil über Monate es mit der Versorgung von Schutzmasken klemmte und Lieferungen aus China via Elfenbeinküste sich in Luft auflösten oder die, die ankamen, unbrauchbar waren. Geiz ist halt eben doch nicht immer geil!

Übrigens: Nach der neuen Landesverordnung dürfen Kinder untere 14 Jahren nach wie vor Stoffmasken benutzen und das, wo doch grad die stärker von der neuen Virusvariante betroffen sind. Und obwohl es mit den Impfungen nur schleppend vorangeht, brechen diverse Zeitgenossen einen Streit über Privilegien für Geimpfte vom Zaun. Aber da geht es ja jetzt um Grundrechte – ich kann mir schwer vorstellen, davss Geimpfte – und das sind nun mal orwiegend Ältere – mit dem Rollator in die Disco stürmen. Aber wer weiß das schon.

So wie Corona eine gefährliche Krankheit ist, sind auch die Probleme, die bei den Menschen infolge des Lockdowns auftreten, ernst zu nehmen. Dadurch, dass ihre Probleme unter den Tisch gekehrt werden, fühlen sich viele Menschen verschaukelt und werden wütend.

Wir müssen höllisch aufpassen, dass das nicht aus dem Ruder läuft, dass der Kampf gegen Corona nicht am Ende einem Pyrrhussieg alle Ehre macht.

Herbert Semsch, Brühl

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