Leserbrief

Gendersternchen Bei der traditionellen Schreibweise sind schon immer beide Geschlechter angesprochen / Ein Trend, der wehtut

Medien machen auch Sprachpolitik

Ein berühmtes Nachrichtenmagazin hatte einst unter ihrem Gründer die Leitlinie „Sagen, was ist“ vertreten. Nicht etwa, was gewünscht ist oder was sein sollte. Dieser Tage hat sich die „Gesellschaft für deutsche Sprache“ (GfdS) laut Presseinfo endlich dazu durchgerungen, vom Gebrauch des Gender-Sternchens abzuraten, ebenso von Varianten wie Unterstrich oder „Binnen-I“.

Auslöser war die Aufnahme von neuen Sprach- und Schreibformen in den Duden, wobei dieser Rechtschreibklassiker nicht mehr wie früher die richtige und gültige Schreibweise vertritt, sondern nur noch ihre „Registrierung“. Die Nachricht der Sprachforscher war der Zeitung eine Notiz einspaltig 60 Millimeter wert. Im Wirtschaftsteil der Schwetzinger Zeitung ist am 24. August demselben Thema genderzustimmend fast eine ganze Seite gewidmet. Im Untertitel steht: „Nutzung der rein männlichen Form führt zur Benachteiligung von Frauen.“ Nicht näher genannte Studien sollen das angeblich belegen.

Gendersprache und vor allem Schrift haben in den letzten Jahren eine steile Karriere in manchen Medien, Verwaltungen und gar Ministerien hingelegt, massiv kuratiert von über 200 Lehrstühlen mit Genderprofessuren an deutschen Hochschulen mit Millionenetats! Da es in Deutschland keine offizielle Institution zur Sprachpflege wie die Académie Francaise im Nachbarland gibt, konnte sich die vermeintlich progressive Sprachform rasch verbreiten. Dabei befestigt doch gerade das „Gendern“ ein ultradefizitäres Frauenbild: Die Frau als Opfer männlicher Sprachdominanz, der man durch Emanzipation mittels verdrehter Sprache beikommen muss. Unterstellt wird ungeniert, das biologische Geschlecht habe etwas mit dem grammatikalischen, vor allem mit dem abgelehnten generischen Maskulinum, zu tun.

Nun, mir scheint der weibliche Einfluss in der Gesellschaft auf allen Ebenen nicht gering, manchmal gar dominant, wie sich leicht bei manchen Radio- und Fernsehsendern und deren Programmen belegen lässt. Auch die Redaktion unserer Lokalzeitung scheint nicht an Frauenmangel zu leiden. Frau könnte sich also gelassen ihrer prägnanten Rolle widmen, sie ist präsent, bringt sich ein und hat augenscheinlich keine Minderwertigkeitskomplexe. All das wurde erreicht ohne Gendersprech und das Verfassen von Holpertexten mit grafischen Sonderzeichen und umständlichen männlichen und weiblichen Varianten.

Wer ein freundschaftliches Verhältnis zur ausdrucksstarken deutschen Sprache pflegt, dem tut es im Auge weh, Gender „*“ (Sternchen), „Binnen-I“ oder „_“ (Unterstriche) lesen zu müssen. Ohrenfolter ist es, wenn in Radiosendungen ständig beide grammatikalischen Formen dahergebetet werden.

Wenn es wenigstens bei der Aufarbeitung gesellschaftlicher Defizite von Frauen helfen würde. Tut es aber nicht! Bei der ganzen „Genderei“ verwundert, dass „die Männer“ hierzulande nicht schon längst gegen ihre Verweiblichung protestiert haben. Und zwar bei der Mehrzahlbildung, wie gerade geschrieben. Es gibt seit Urzeiten ein generisches Femininum für alle Geschlechter beim Artikel der Mehrzahlform, und niemand stört’s.

Folgt man dem politisch motivierten Unfug der Gleichsetzung von Grammatik und Biologie, so müsste es auf Neusprech eigentlich „der Männer“ heißen. Bei der traditionellen Schreibweise waren nicht etwa die Frauen „nur mitgemeint“, wie oft behauptet wird. Sondern es sind, auch das schon immer, schlicht beide Geschlechter angesprochen!

Liebe Freunde in Redaktionsstuben und Funkhäusern, wenn ihr betont beide Geschlechter ansprechen wollt, dann nennt sie halt beide, und zwar ohne textfremde grafische Sonderzeichen wie „*“ (Sternchen) oder Sprechpausen. Wenn es zum Inhalt passt, auch mal männlich und weiblich abwechselnd, je nachdem, wer da dominant vertreten ist. Aber behaltet die Sprachformen bei, die anspruchsvolle Printmedien wie Die Zeit, Die Welt, NZZ und andere nach wie vor sternchenlos verwenden.

Verlasst nicht die bewährte Form der deutschen Sprache, aus welchen Gründen auch immer. Nichts ist peinlicher, als Modetrends und Zeitgeistern atemlos hinterherzutraben, das brauchen wir als Leserinnen und Hörer nun wirklich nicht.

Winfried Wolf, Plankstadt

Anmerkung der Redaktion: Tatsächlich sind wir in der Redaktion sechs Frauen und sechs Männer.

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