Leserbrief

Amoklauf in Dossenheim Finanzielle Differenzen vermutlich nicht der eigentliche Auslöser

Motiv für Wahnsinnstat im Miteinander suchen

Die furchtbare Bluttat im benachbarten Dossenheim hat einmal mehr eine bundesweite Diskussion ausgelöst - allerdings nur zum Waffenrecht. Weiterführen wird sie kaum. Man sollte nicht nur einen einzelnen Aspekt, sondern die Gesamtumstände dieser Tragödie ins Visier nehmen.

Täter war nicht ein Terrorist oder Hochkrimineller, sondern ein bis zu diesem Tag unbescholtener Wohnungseigentümer. Geisteskrank - so las man - war er auch nicht. Zum Tatzeitpunkt war er Teilnehmer der einmal im Jahr stattfindenden Eigentümerversammlung, bei der es um die gemeinsamen Belange der Eigentümer geht. Geleitet wird eine solche Versammlung vom amtierenden "Verwalter", hier unterstützt von einem "Beirat".

Minderheiten maßregeln

Wer sich in diesem Milieu auskennt, der weiß: Der gesunde Menschenverstand spielt dort oft keine Rolle. Es geht nicht selten um Banalitäten, Nichtigkeiten und vor allem "ums Prinzip". Leider geht es manchmal auch darum, einen Einzelnen bloßzustellen oder eine Minderheit maßzuregeln.

Sache des Verwalters ist es, solche Machenschaften gar nicht erst zuzulassen oder sofort zu unterbinden. Ein geschulter Verwalter und erfahrene Beiräte wissen auch, wie man mit Zeitgenossen umgeht, die nur darauf aus sind, die anderen Versammlungsteilnehmer zu nerven, mit unsinnigen Anträgen zu quälen oder - wie hier - möglicherweise dazu neigen, völlig auszurasten.

Bekannt ist in vorliegendem Fall, dass der spätere Täter von der Versammlung ausgeschlossen und des Saales verwiesen wurde. Ob dies wirklich notwendig war?

Erniedrigende Maßnahme

Leider lässt sich den kargen Informationen der Presse dies nicht entnehmen. Sicher ist nur: Der Saalverweis eines Eigentümers "vor versammelter Mannschaft" ist eine Maßnahme, die das Gesetz dem Verwalter im Rahmen des Hausrechts zwar einräumt, die aber nach einhelliger Auffassung in der Kommentierung zum WEG wirklich nur als "letztes Mittel" eingesetzt werden darf. Erst recht nicht darf die Maßnahme zu einem Akt der Selbstjustiz werden.

Abgesehen von allen rechtlichen Unsicherheiten für die Gemeinschaft ist ein solcher Vorgang für den Betroffenen - gleich ob zu Recht oder zu Unrecht - aus seiner Sicht erst einmal erniedrigend und ehrverletzend.

Der Häme der anderen preisgegeben fühlt er sich ohne "ordentliches Verfahren" verurteilt - mit sofortigem Vollzug. Man muss kein Psychologe sein, um zu erahnen, zu welchen Reaktionen auch "völlig normale Menschen" in dieser Situation fähig sind.

Dem anderen zuhören

Streitgespräche, jeder weiß das, haben ihre eigenen Gesetze. Ein Gebot der Gesprächskultur ist es, dass man dem anderen zuhört, ihm Gelegenheit gibt, seine Position nachvollziehbar darzulegen, den Versuch unternimmt, gemeinsam Irrtümer oder Missverständnisse auszuräumen und ihm letztendlich nahelegt, Fachleute aufzusuchen und sich beraten zu lassen, wenn man keine Lösung findet. Dies alles in ruhigem und respektvollem Ton.

Hier ging es um eine "Nebenkostenabrechnung", eine komplexe Materie mit hohem Konfliktpotenzial, wenn man nicht sachkundig ist. Die finanziellen Differenzen, um die oft gestritten wird, sind aber niemals Beträge, die jemanden dazu bringen können, zwei andere Menschen und sich selbst zu erschießen. Also liegt das Motiv woanders.

Dass der Mann schwierig war, war aus seiner Vergangenheit bekannt. Wie ist die Versammlung an diesem Abend mit ihm umgegangen? Was tat der Verwalter, wie verhielt sich der Beirat? Die Berufsbezeichnung eines Verwalters ist nicht geschützt. Jeder kann es machen. Aber nicht jeder ist geeignet. Wie war es hier?

Menschlichen Umgang prüfen

Natürlich ist diese Wahnsinnstat unter keinem Aspekt zu verteidigen. Aber wenn das Ergebnis einer Eigentümerversammlung drei Tote und zahlreiche Verletzte sind, geht es nicht mehr nur um Recht oder Unrecht, sondern darum, wie Derartiges verhindert werden kann. Verursachung oder Vermeidung eines Blutbads: Es ist in der Regel weniger eine Frage des Waffenrechts als des menschlichen Umgangs - nicht nur in einer Eigentümerversammlung und nicht nur in Dossenheim.

Rudolf Berger, Hockenheim

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