Leserbrief

Fridays for Future Alte Tradition contra neue Dekadenz in den Klimafragen

Nicht das Gelbe vom Ei

Seien es die anstehenden Herbstmärkte oder das zurückliegende Erntedankfest: Es sind uralte Traditionen, die in allen Kulturkreisen verwurzelt sind. Wir feiern damit die Gaben, die das „Wunder des Lebens“ für uns bereit hält, erinnern aber auch daran, dass die Geschenke der Natur nicht selbstverständlich sind.

Schon die alten Ägypter zelebrierten einst ihr „Osiris-Fest“, welches am dritten Tag mit der Wiedergeburt – also der Auferstehungsfeier des Osiris endete. Man huldigte so dem Fruchtbarkeitsgott für seine Gaben; also dafür, dass er sich in Form von „Speis und Trank“ für uns hingibt, damit wir leben können.

Schon damals symbolisierte das Ei das Wiedererwachen des Lebens, den ewigen Kreislauf von der Saat bis zur Ernte – von Geburt, Sein und Vergehen.

Läuft man durch die Supermärkte, so findet man bunte hartgekochte Eier, aber nicht nur zur Osterzeit, sondern seit geraumer Zeit zu Partyeiern degradiert sogar ganzjährig.

Und da in unserer vor Überangebot strotzenden Weltgemeinschaft sowieso immer irgendwo Party ist, gibt es diese Eier ihrer natürlichen Schale beraubt schon geschält fein säuberlich in Plastik verpackt. Vielleicht, um sie bei einem Wettessen schneller hinunterwürgen zu können.

Und während unsere Politiker nicht nur in Sachen Umwelt und Klima seit Jahren einen regelrechten Eiertanz vollführen, entdecken aufmerksame Kunden beim Schlendern durch unsere Märkte weitere Beispiele unseres dekadenten Wahnsinns: Neben Wein aus Neuseeland, Knoblauch aus China oder Avocados und Fleisch aus Südamerika gibt es auch industrielle Produkte, wie beispielsweise Textilien, die nicht selten in Billigländern unter menschenverachtenden Bedingungen hergestellt werden.

Bevor also Produkte aus aller Herren Länder mit Hilfe einer riesigen Flotte von Containerschiffen oder Frachtflugzeugen in unseren Einkaufswägen landen, haben diese im Schnitt bis zu 50 000 Kilometer auf dem Buckel.

Vor allem jene, deren „Grundbausteine“ wie Metalle oder Erdöl zuerst in Fabriken gekarrt, dort weiterverarbeitet werden und schließlich in Form von Plastik – Mode und Technikkram beim Endverbraucher landen.

Eine pfiffige Werbeindustrie sorgt obendrein dafür, dass wir uns viel zu oft mit Dingen eindecken, die wir im Grunde nicht brauchen. Und sollte mal das nötige Kleingeld fehlen – kein Problem: „Leben sie, wir kümmern uns um die Details“ – so lautet der Slogan einer Bank.

Es kommt also nicht von ungefähr, dass Überproduktion und Wegwerfmentalität sowie Not und Elend zwei Seiten derselben Medaille sind.

Bewusst oder unbewusst stellt die Fridays-for-Future-Bewegung eigentlich die Systemfrage, denn so können wir nicht weitermachen.

Man kann Greta und die Aktivitäten ihrer Mitstreiter natürlich schon kritisch begleiten. Aber jenen Zeitgenossen, die an ihrem Coffee-to-go-Becher schlürfend meinen, diese mit Hass und Häme überschütten zu müssen, empfehle ich dringend ärztlichen Beistand oder zumindest die Lektüre einer guten Tageszeitung, wie beispielsweise die, die sie grad lesen.

Herbert Semsch, Brühl

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