Leserbrief

Volksbank-Filialschließung im Hirschacker Mit Kundenfreundlichkeit hat das nichts mehr zu tun / Nur noch Kosten-Nutzen-Rechnung

„Persönlich – kompetent – nah“?

Um Kosten zu sparen, schließen deutsche Bankinstitute schon seit einigen Jahren vermehrt Geschäftsstellen. So auch die Volksbank. Im Zuge dieses Filialsterbens sieht sich die Volksbank Schwetzingen nicht einmal mehr in der Lage, Geldautomaten und Kontoauszugsdrucker im Hirschacker wohnortnah und damit kundenfreundlich anzubieten. Selbst die SB-Stelle in der Friedrich-Ebert-Straße im Randbezirk von Schwetzingen ist zum 30. September 2020 geschlossen worden.

Die Volksbank-Kunden sollen noch „dankbar“ darüber sein, dass sie sich keine Sorgen machen müssen, denn ihnen wird die frohe Botschaft verkündet: Wir sind nicht weg – ab Oktober sind wir nur woanders. Weitere SB-Bereiche ganz in „Ihrer Nähe“ (in Ketsch, in Brühl, an der Hockenheimer Landstraße) sind nach wie vor verfügbar. Zudem steht die Schwetzinger Zentrale in der Carl-Theodor-Straße mit ihrem „großzügigen Parkplatzangebot“ in der Innenstadt für unkompliziertes Bargeldabheben und schnelles Ausdrucken von Kontoauszügen zur Verfügung. Toll!

Auf den ersten Blick spricht aus Sicht der (Volks-)Banken einiges dafür, so zu handeln: Niedrige Zinsen drücken die Erträge im Geschäft mit Krediten und Einlagen. Anforderungen und Vorgaben wie die Anfertigung von Beratungsprotokollen wirken belastend auf das Geschäft. Der Kostendruck ist enorm.

Nicht zuletzt hat sich auch das Kundenverhalten geändert. Online-Banking und Online-Beratung wird bei vielen Kunden zur Abwicklung von Bankgeschäften genutzt. Das Smartphone dient als Geldsteuerungshilfe. Und die Corona-Krise beschleunigt diesen Trend. Das Signal an die Kundschaft: Filialen und SB-Stellen bringen wenig ein, sind nicht mehr zeitgemäß und blockieren Investitionen im Kontext der Digitalisierung.

Auf den zweiten Blick allerdings gerät die praktische Umsetzung der selbstauferlegten Volksbank-Philosophie „persönlich – kompetent – nah“ zur Farce. Denn langjährige Kunden und viele ältere Menschen werden schlichtweg vergessen. Ihnen fehlt der persönliche Ansprechpartner, fehlt die vertraute Anordnung der Automaten in heimischer Umgebung vor Ort.

Der Entzug von Bargeld hat zur Folge, dass Kunden fast gezwungen werden, an fremden Banken Geld zu holen – gegen hohe Gebühren. Bargeldverfügbarkeit setzt mittlerweile im Hirschacker voraus, dass alle Kunden motorisiert sein müssen. Bankgeschäfte online abzuhandeln oder diverse Dienstleistungen nur mittels längerer Wegstrecken in Anspruch nehmen zu können, sind für diesen Kundenstamm in der Regel unzumutbar.

Doch nicht nur ältere Kunden haben schwer mit solchen Schließungen zu kämpfen. Erstaunlicherweise geben Umfragen aus der Versicherungsbranche und Erfahrungswerte von privaten Finanzdienstleistern zu erkennen, dass selbst junge Menschen das unkomplizierte schnelle Abheben von Bargeld bevorzugen und den persönlich-vertrauensvollen Rahmen von Beratungsgesprächen wertschätzen. Wobei die Beratungskompetenz der deutschen Filialbanken, gelinde gesagt, wohl oft als sehr ernüchternd einzuschätzen ist.

In der Gesamtschau betrachtet, wirken sich die kundenfeindlichen Maßnahmen der Volksbank destruktiv auf junge und alte Menschen aus. Die wahre Philosophie der (Volks-)Banken folgt ausschließlich einer kühlen Kosten-Nutzen-Rechnung. Das „einfache Volk“ erfährt keinen Respekt, sondern nur Beachtung im Kontext risikofixierter Kapitalanhäufungen, Provisionen und Ertragsversprechen. Der Faktor „Mensch“ spielt nur eine finanztaktische Rolle, wobei es nur einen Gewinner geben darf: die Bank(en).

Der Kahlschlag vor Ort überfordert viele Kunden, bringt letztlich aber die Überforderung der Banken und ihrer Führungskräfte zum Ausdruck. Sie sind nicht in der Lage zu erkennen, dass die Corona-Krise auch darauf aufmerksam macht, die (Banken-)Wirtschaft neu zu orientieren, neu zu hinterfragen. Im Sinne des Vorschlags von „Netzwerk Ökonomischer Wandel“ (NOW) sollte die Bankenwelt zukünftig wieder die Menschen ins Zentrum des Handelns rücken, unter kreativer Ausbalancierung ökonomischer, ökologischer und gemeinwohlorientierter Interessen.

Das jetzige bankenwirtschaftliche System entfremdet die Kunden von ihrer (Volks-)Bank und die (Volks-)Bank von ihren Kunden. Banken für das Volk werden nur überleben und Vertrauen zurück- gewinnen, wenn sie sich aufrichtig und engagiert an den Bedürfnissen und Interessen des Volkes, das sie ja in ihrem Namen direkt adressiert haben, ausrichten. Das sollte auch im Interesse der Verantwortlichen der Stadt Schwetzingen sein. Wozu gibt es schließlich einen Aufsichtsrat, der hoffentlich mehr Kontrollkompetenz und soziale Verantwortung zeigt wie bei Wirecard.

Vielleicht hilft dazu die Vorstellung, wenn Kunden sagen würden: Liebe Volksbank, ich bin nicht weg. Ich bin nur bei einer anderen Bank, weil sie einem zukunftsfähigen Geschäftsmodell folgt, das die Kunden wieder als Menschen wahrnimmt und respektvoll behandelt – gerade auch im Kontext einfacher Bankgeschäfte und Dienstleistungen.

Dr. Roland Ullmann, Schwetzingen

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