Leserbrief

Corona-Pandemie Der Solidaritätsgedanke muss wieder fester Bestandteil unseres Denkens und Handels werden

Querdenker oder Querschläger?

Mit Sorge und Kopfschütteln beobachte ich eine Entwicklung, die immer mehr aus dem Ruder gerät. Was darf oder muss eine Demokratie aushalten? Eine berechtigte Frage, verfolgt man die jüngsten Vorkommnisse in Leipzig. Ja, sie funktioniert – unsere Demokratie. Noch! Doch sie gerät immer stärker in Schieflage. Das beste Beispiel dafür sind die jüngsten „Querdenker-Kundgebung“-Vorkommnisse in Leipzig.

Da genehmigt ein Gericht trotz ständig steigender Corona-Zahlen eine Demonstration. Wie kann das sein? Mitten in der Pandemie, im Lockdown-Monat November, in dem Menschen angehalten sind, Kontakte auf das Mindeste zu beschränken? Vielleicht könnte man diesen zwielichtigen Vorgang im Rahmen unseres Grundgesetzes noch als demokratischen Akt einordnen.

Doch was ist passiert? Erlaubt waren 16 000 Teilnehmer. Es kamen laut Schätzung der Polizei rund 45 000. Die vom Gericht zwingend vorgeschriebenen Hygienemaßnahmen wie Mund-Nase-Bedeckung und Abstand wurden vom größten Teil der Demonstranten bewusst ignoriert. Ein ungeheuerlicher Vorgang. Als dann die Demonstration wegen Nichteinhaltung der gerichtlich vorgegebenen Maßnahmen aufgelöst werden sollte, artete die Veranstaltung aus.

Aus den Querdenkern wurden Querschläger. Mit dem Ergebnis, dass Polizisten und Journalisten wieder einmal zur Zielscheibe und zu Prügelknaben wurden. Dies entbehrt jeder Rechtsgrundlage, widerspricht jedem demokratischen Verständnis und muss konsequent geahndet werden. Ein bis dato nie gekannter Egoismus macht sich breit. Extreme Ichbezogenheit und Rücksichtslosigkeit wachsen.

Muss der Mensch erst selbst leidvoll am eigenen Leib erfahren, was es heißt, infiziert zu sein oder gar intensiv künstlich beatmet zu werden? Jedem noch so friedlichen Teilnehmer dieser „Demonstration“ muss klar sein, dass alleine nur er für sein Handeln verantwortlich ist und dass er sich nicht hinter einer „Querdenker-Bewegung“ die immer mehr zwielichtige Züge annimmt, verstecken kann.

Noch unverständlicher ist es, dass in einer Bundestagsdebatte ein Bundestagsvizepräsident dazu motiviert hat, den Klageweg in der einen oder anderen Corona-Maßnahme zu bestreiten. Ein absoluter Fauxpas. Sie alle machen sich – ob gewollt oder ungewollt – zu Helfershelfern populistischer Vereinigungen, stärken sie und lassen zu, dass unsere Demokratie immer mehr mit Füßen getreten wird. Möchten sie amerikanische Verhältnisse wie unter Trump? Der mit seiner menschenverachtenden und instinktlosen Politik zur Spaltung der Gesellschaft beigetragen und den Rassismus gestreut und angestachelt hat. Wo tagtäglich Hass gepredigt, gesät und Gewalt geerntet wird.

Ohne Frage, die Corona-Maßnahmen mit ihren Einschränkungen müssen kritisch hinterfragt und die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen geprüft werden. Aber gehören das Tragen einer Maske und das Einhalten eines Abstandes schon zu einer Freiheits- beziehungsweise Grundgesetzverletzung?

Natürlich darf, kann oder sollte man in bestimmten Fragen durchaus anderer Meinung sein. Wir alle sind von diesen Maßnahmen und Einschnitten betroffen. Viele davon tun weh! Trotz allem sollte man hier besonnen reagieren. Auch ich stehe der einen oder anderen getroffenen Maßnahmen kritisch gegenüber. Aber, dass man unser ganzes demokratisches System in Frage stellt und unsere Politiker und Virologen als Staatsfeinde darstellt und unter Generalverdacht stellt, entbehrt jeder Logik und ist mehr als unanständig und verwerflich.

Vielleicht entgeht dem Einzelnen in seinem Frust, was für ein Segen es ist, in einem freien und demokratischen Land zu leben. In einem Land, in dem man seine Meinung frei äußern und durch Demonstrationen zeigen und vertreten kann. Ein Blick in andere Länder, wo derzeit wirklich drakonische Corona-Maßnahmen wie zum Beispiel Ausgangssperren et cetera ergriffen werden, sind hier durchaus hilfreich und könnte den Blickwinkel erweitern. Wie treffend sagte Bundespräsident Steinmeier: „Rücksichtslosigkeit ist kein Freiheitsrecht.“

Eines ist jedoch klar, Corona ist und bleibt eine Ausnahmesituation. Nur gemeinsam bewältigen wir die Krise. Hier darf es keine Experimente auf Kosten anderer geben. Die Ichbezogenheit muss endlich in den Hintergrund treten. Der Solidaritätsgedanke muss wieder fester Bestandteil unseres Denkens und Handels werden. Denn nur gemeinsam können wir es schaffen. Querdenken ja – aber weg von der Querschläger-Mentalität und hin zum solidarischen, gemeinsamen Handeln für unser aller Gesundheits- und Gemeinwohl.

Thomas Proft, Schwetzingen

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