Leserbrief

Bundestag Was die Menschen umtreibt ist das orientierungslose Panoptikum rings um das Schicksalsdatum 9. November

Scheuklappenpolitik in Berlin

Der 9. November hat es echt in sich: So ging beispielsweise die „Mayflower“ am 9. November 1620 an der Küste des heutigen Massachusetts vor Anker. Die Nachfahren der „Pilgerväter“ begründeten eine der ältesten Demokratien der Welt.

Wer konnte damals schon ahnen, dass am 9. November 2016 ein Psychopath die Präsidentschaftswahl gewinnt und ins Weiße Haus einzieht. Apropos: Dieses Datum spielte auch in Europa – speziell in Deutschland – oft Schicksal. So gelangte Lenin in den Wirren des Ersten Weltkrieges 1917 durch deutsche Mithilfe aus dem Schweizer Exil nach Russland. Deutschlands Hintergedanke der inneren Destabilisierung erfüllte sich und es kam zwischen dem 7. und 9. November im gleichen Jahr zur Oktoberrevolution – in Russland galt damals noch der julianische Kalender, der dem unsrigen 13 Tage hinterherhing.

Die Folgen kennen wir alle: Gründung der Sowjetunion, die Spaltung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg, kalter Krieg und atomares Wettrüsten. In Deutschland wurde am 9. November 1918 der Sozialdemokrat Friedrich Ebert aus Heidelberg Reichskanzler. Sein Parteifreund Philipp Scheidemann rief vom Reichstag aus die Republik aus und kam so Karl Liebknecht zuvor, dem eine Räterepublik nach sowjetischem Muster vorschwebte.

Diese Weimarer Republik durchlebte schwierige Zeiten, vor allem nach Eberts Tod 1925. Zuvor kam es am 9. November 1923 in Berlin zum Putschversuch durch Adolf Hitler, den dieser nur knapp überlebte. 1933 dann die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler durch Reichspräsident Hindenburg. Es folgten Wochen des nationalsozialistischen Terrors mit der Folge, dass Hitler mit Hilfe des Ermächtigungsgesetzes, dem sich nur die Sozialdemokraten widersetzten, die alleinige Macht übernahm. Der Reichstag verlor jegliche Entscheidungskompetenz.

Politische Gegner Hitlers landeten daraufhin ohne Gerichtsverfahren in Gefängnissen und Konzentrationslagern. Exakt 15 Jahre nach Hitlers Putschversuch nahm dann das Unheil so richtig seinen Lauf:

Am 9. November – dem Schicksalstag der Deutschen – gedenken wir nicht nur des Mauerfalls 1989, sondern auch der Reichskristallnacht 1938, als der braune Mob jüdische Geschäfte, Wohnungen und Synagogen plünderte und brandschatzte – auch bei uns. Mit der Präzision eines Uhrwerkes läuft von da an die grauenvollste Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie der Menschheitsgeschichte.

All jene, die nicht in das menschenverachtende Bild des Nazi-Regimes passten, landeten in Vernichtungslagern oder auf dem Seziertisch von Dr. Mengele.

Wenn man dann aktuell betrachtet, was in unserem Land grad los ist, bleibt einem die Spucke weg. Da ist ja nicht nur der „Faschist Höcke“ oder der „Vogelschiss“, wie Gauland verharmlosend die Nazizeit hinstellte, sondern der tiefe Riss quer durch die Gesellschaft und ein gespenstisches Klima, das sich wie ein Nebel über unser Land legt.

Juden- und Fremdenfeindlichkeit sowie Terrorismus sind kein neues Phänomen, nehmen aber immer schlimmere Formen an. Wer jetzt wie Kramp-Karrenbauer nach dem Attentat auf eine Synagoge in Halle immer noch nur von „Alarmzeichen“ spricht, sich also im Grunde überrascht zeigt, hat echt den Schuss nicht gehört. Alarm gibt’s am Wecker! Sind die alle am Pennen?

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Vieles läuft jetzt schon schief und vieles wird morgen schon so richtig schieflaufen. Die Politik ist mit sich selbst beschäftigt und hat keine Antworten auf dringende Fragen der Gesellschaft, geschweige denn eine Vision, wohin es in Zukunft gehen soll. Und die Leute spüren das. Was die Menschen umtreibt, ist der Eindruck, dass das „Panoptikum im Reichstag“ nicht mal ansatzweise um die Nöte, Notwendigkeiten und Prioritäten weiß, geschweige denn eine Vorstellung zur Problemlösung parat hat.

Herbert Semsch, Brühl

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