Leserbrief

Kirche und Flüchtlinge Den Schwächsten unter den Schwestern und Brüdern helfen / Alle Hebel in Bewegung setzen

Seele retten – Hass besiegen

Mit unheimlicher, beinahe maschineller Regelmäßigkeit verliert Deutschland seine moralische Orientierung. Nach dem Mord an Walter Lübcke schrieb der Mordversuch an einem Flüchtling, ebenfalls in Hessen, ein zweites Menetekel. Wenig später stieß ein geisteskranker Afrikaner einen kleinen Jungen vor einen Zug. In Frankfurt! Und nun heizten sich die rechten Gemüter auf: Eine AfD-Bundestagsabgeordnete verwünschte den Tag, an dem Angela Merkel geboren wurde – und ihr Parteivorsitzender zeigte auch noch Verständnis dafür.

Eigentlich müssten Christen aufgerufen sein, uns vor einem solchen Niedergang zu bewahren. Doch sie verlieren an Zahl und Kraft. Bei jeweils 20 Millionen Mitgliedern verließen 2018 mehr als 400 000 Gläubige ihre Kirche. Katholiken und Reformierte zu gleichen Teilen. Fast eine halbe Million, ähnlich wie bei der Spanischen Grippe vor 100 Jahren. Ein schleichender Glaubensverlust kann also anstecken, ebenso wie ein plötzlich auftretender Virus.

Ähnliches verfolgen wir in Großbritannien zwischen „Remainers“ und „Leavers“ bei dem ganz Europa erschütternden Brexit. Nationalisten und Pro-Europäer streiten sich heftig und spalten ihr Volk. Doch das Nachdenken über die Zukunft der Kirchen findet fast im Verborgenen statt. Wer ihnen jedoch den Rücken gekehrt hat, legt manchem Unsicheren schon allein durch sein Beispiel nahe, ihm zu folgen.

Umgekehrt gilt dasselbe: Die Austritte treffen die Kirche ja nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Seit Jahrzehnten beobachten sie diese Tendenz. Klerus und Kirchentreue möchten gerne ein zahlreiches Gottesvolk bleiben, gebraucht werden, um im Geist der Nächstenliebe ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Durch die Taufe wird man als Kleinkind in die Gemeinschaft aufgenommen. Doch später, bei den Erwachsenen, löst sich die Bindung zunehmend: Sie fragen sich, was es ihnen bringt, zu bleiben und Kirchensteuer zu zahlen.

Wie rasch dieser Prozess voranschreitet, erleben die Gemeinden allsonntäglich. In den Gottesdiensten treffen sich nur noch fünf bis zehn Prozent der Gläubigen, obwohl Katholiken durch ein kirchliches Gebot zum Besuch einer Heiligen Messe verpflichtet wären. An emotional besonders ansprechenden Festen wie Weihnachten steigt diese Quote zwar auf etwa 25 Prozent. Eine Organisation aber, die sich nicht mit gezahlten Beiträgen begnügt und Wert auf das Engagement ihrer Mitglieder legt, würde dies als Alarmzeichen betrachten und alle Hebel in Bewegung setzen, um sich am Leben zu erhalten. Die Kirchen dagegen wecken den Eindruck, sie wollten die Austrittszahlen am liebsten verschweigen.

Das aber wäre ein Bärendienst an unserer Gesellschaft. Er würde die Abwehr gegen den sich seit langen Jahren verstärkenden ethischen Niedergang nicht nur Deutschlands schwächen. Dieser Prozess wurde allen Europäern durch Papst Franziskus vor Augen gehalten, als er 2013, kaum gewählt, in Lampedusa einen Kranz ins Mittelmeer warf, um an ertrunkene Flüchtlinge zu erinnern.

Mit seiner Anklage, Europa sei an deren Tod mitschuldig, fand er breites Verständnis, auch bei Nichtgläubigen. Sie ließen sich 2014 durch den Hass der rassistischen Pegida nicht irre machen, die vor allem muslimische Schutzsuchende angriff. Und 2015 betrachteten viele das legendäre „Wir schaffen das“ der deutschen Kanzlerin als Annahme des päpstlichen Auftrags. Unerwartbar zahlreich unterstützten sie Flüchtlinge und sorgten dafür, dass diese Zusage ohne Chaos eingehalten wurde. Doch bald zeigte sich, wie einsam Merkel in ihrer Partei war. Der Nationalismus und die Angst, Wahlen zu verlieren, fanden offene Ohren. Die Chance wurde vertan, sich neben dem Schutz der Grenzen auch für die Grundrechte und ein menschenwürdiges Leben in Afrika einzusetzen.

Da nach wie vor Flüchtlinge ertrinken und unmenschlich behandelt werden, ist es immer noch Zeit, an unsere Mitbürger zu appellieren:

Engagiert Euch für Euren Glauben und die Schwächsten unter Euren Schwestern und Brüdern.

Werbt gemeinsam mit Nichtchristen für Menschenrechte und Nächstenliebe.

Schenkt vor allem den Afrikanern die Gewissheit, unterstützt zu werden und die Hoffnung auf eine menschenwürdige Zukunft.

Helmut Mehrer, Brühl

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